JOHANNES GUTENBERG - UNIVERSITÄT MAINZ

INSTITUT FÜR SOZIOLOGIE

 

"DIE FUNKTIONALISTISCHE SCHICHTUNGSTHEORIE UND DIE SOZIALEN UNGLEICHHEITEN"

1. EINLEITUNG   1

2. FUNKTIONALISTISCHE DARSTELLUNG DER INDUSTRIEGESELLSCHAFT   2

3. DIE PRINZIPIEN DER FUNKTIONALISTISCHEN SCHICHTUNGSTHEORIE   4

3.1. DIE WICHTIGEN FUNKTIONEN   4

3.2. TALENT UND BILDUNG   6

3.3. MOTIVATION UND BELOHNUNG: EINKOMMEN   7

3.4. BERUFS - PRESTIGE   8

4. MACHT: FUNKTIONSELITEN UND VETO - GROUPS   10

5. LITERATURVERZEICHNIS   13

 

 

1. EINLEITUNG

In der Geschichte der Soziologie versuchten verschiedene Autoren mit Hilfe ihrer Theorien die Entstehung sozialer Ungleichheiten zu erklären. Im 19. Jahrhundert beschrieb Karl Marx die Produktionsverhältnisse als die Triebfeder zur Entstehung einer besitzenden und einer nichtbesitzenden Klasse. Jeder Mensch sei aus Gründen der Lebenserhaltung gezwungen ein Arbeitsverhältnis einzugehen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte Max Weber die Bildung und Struktur von Klassen, Ständen und Parteien gleich mit der Entstehung sozialer Ungleichheiten. In der Erwerbstätigkeit entscheiden Einkommen und Vermögen bzw. die Fähigkeit des Markt­indi­viduums,  vorhandene Ressourcen, wie z.B. Bildung und Wissen, für das Erlangen einer Position zu nutzen, über dessen Zugehörigkeit zu einer Erwerbs- und Besitzklasse. Aus der Herkunft, dem Beruf oder einer bestimm­ten Lebensführung, die sich im Lebensstil, aber auch in bestimmten Ehrvor­stellungen ausdrücken kann, resultiere der Status, das Ansehen des Ein­zelnen. Macht ergebe sich aus der Solidarisierung von Interessen in Parteien. Bei Marx und Weber sollten die klassischen Dimensionen der Ungleichheit - das Einkommen, die Macht, das Prestige und die Bildung - durch die offensichtlichen Verhältnisse in der modernen kapitalistischen Industrie­gesellschaft erklärt werden.

Ausgehend von der industriegesellschaftlichen Arbeitsteilung inter­pretiert die funktionalistische Schichtungstheorie die Ungleichheiten Einkom­men, Macht und Prestige als Resultat eines Belohnungsprozeßes, der darauf angelegt sei, alle Berufspositionen mit den dafür qualifiziertesten Personen zu besetzen und hierbei die wichtigen Handlungen hoch und die niederen Tätigkeiten niedrig zu entlohnen. Der Ansatz dieses Erklärungsmodells zeigt bereits seine Schwächen auf. Wie soll man Ungleichheiten funktionalistisch erklären, die nicht in der Arbeitssphäre des menschlichen Daseins angesie­delt sind und wer entscheidet, welche Tätigkeiten wichtig sind ?

 

2. FUNKTIONALISTISCHE DARSTELLUNG DER INDUSTRIEGESELLSCHAFT

Die moderne Industriegesellschaft zeichnet sich durch zwei Merkmale aus: die Arbeitsteilung und bestimmte in ihr vorherrschende Wertvor­stellungen. Nach Emil Durkheim ist die Arbeitsteilung gleichzusetzen mit der differenzierten Struk­tur der modernen Industriegesellschaft "mit ihrer wirtschaftlichen, tech­nischen, vor allem aber mit ihrer sozialen Organisation"[1]. Das Wirtschafts­system sei getrennt vom Familiensystem und ebenso der Arbeitsplatz vom Heim.[2] Im Sinne des Funktionalismus stellt die Arbeits­teilung, d.h. die "Zerlegung und Aufglie­derung von Arbeits- und Produktions­prozessen und ihre längerfristige Ver­teilung"[3], in zweifacher Hinsicht die Ursache für System­differenzierung dar. Erstens wird das gesellschaftliche System in funktionale Subsysteme eingeteilt: Talcott Parsons bezeichnet dies als das "Prinzip der Differenzierung nach Funk­tionsbedingungen"[4]. Vier Sub­systeme unterscheidet er nach ihrer Funk­tion: das Kultursystem für die Strukturerhaltung, das Sozial­system für die Integra­tion, das Organismus­sys­tem für die Anpassung und das Persönlichkeitssystem für die Ziel­er­reichung. Zweitens tritt in diesen Sub­systemen die Arbeitsteilung z.B. als Dif­fe­renzierung von Berufspositionen und Rollen im Berufssystem in Erscheinung.

Jede sich daraus ergebende Berufspositionen läßt sich auf ihre Funktion hin untersuchen. Allgemein wird Funktion definiert als "die erkennbare Konsequenz eines Elements für den Aufbau, die Erreichung, Erhaltung oder Ver­änderung eines bestimmten Zustandes des Systems".[5] Die Funktion der  Berufspositionen ist ihre Leistung in Richtung des festgelegten Systemziels, sei es Aufbau, Erhaltung oder Veränderung. So kann die wirtschaftliche Gesamt­leistung des Berufssystems betrachtet und der Bei­trag der einzel­nen Berufe hierzu berechnet werden. Allgemein ist es der Anteil an der "Effekti­vität einer kooperativen Leistung vieler Positionen".[6]

Der Funktionalismus stuft die moderne Industriegesellschaft als Leistungsgesellschaft ein, "in der die Rechte und Privilegien jeder gesell­schaftlichen Gruppe und jedes Individuums im Prinzip an dem bemessen wird, was als ihr Beitrag zum gesellschaftlichen Gesamtprodukt gilt."[7] Nach diesem Leistungs­prinzip werden die einzelnen Tätigkeiten belohnt. Jedoch kann nicht behauptet werden, jede Position würde nur nach ihrem empirisch beweisbaren Beitrag belohnt. Für die Einstufung der Positionen spielen noch weitere Kriterien eine wichtige Rolle bei der Hierar­chi­sierung von wichtigen und unwichtigen Tätigkeiten.

Nach Talcott Parsons unterscheiden sich die tätigen Individuen neben der Leistung durch zumindestens fünf weitere Determinanten:

(1)          die Zugehörigkeit zu einer Verwandtschaftsgruppe,

(2)          persönliche Eigen­schaften, wie Alter, Geschlecht, Intelligenz,

(3)          Eigentum,

(4)          Autorität als anerkanntes Recht auf Ein­fluß oder als

(5)          Macht.[8]

Das entscheidende Kriterium für den Belohnungsprozeß stellt für Ralf Dahrendorf die "wertende Unterscheidung in Hinsicht auf die dif­ferenzierenden Elemente"[9] Parsons' dar.  Er sagt, die vorher aufgeführte Dif­ferenzierung an sich würde noch keine Rangordnung erklären.

"Unter dem Aspekt der Arbeitsteilung...besteht keinerlei Rangunterschied zwischen dem Generaldirektor, der Sekretärin...und dem Hilfsarbeiter eines Werkes...Daß wir tatsächlich mit die­sen Tätigkeiten doch eine Rangordnung...verbinden, beruht auf einem zu­sätzlichen Moment, das zur unterschiedlichen Bewertung der not­wendigen  Tätigkeiten  führt...; über  die  Ursache des  Bewertungssystems aber läßt sich...sagen, daß sie nicht aus der Verschieden­artigkeit der Tätigkeiten ableitbar ist."[10]

Hinzu kommen Normen als die "Richtschnur des Handelns"[11]. Verbunden mit solchen Handlungsanweisungen sind Bestrafung für die Nichtbefolgung, die Sanktion, und Belohnung bei Befolgung der Normen, die Gratifikation. Über den Ursprung der Normen gibt es divergierende Aussagen: Idealisten suchen ihn in der Vernunft, Individualisten kennen nur die Emotionen und Anlagen des Einzelnen und für die Marxisten ist der Entwicklungsstand der Produktivkräfte die Basis. Für den Funktionalismus stellt die Grundlage für Normen ein Selektionsprozeß dar, bei dem aus einem Katalog von Werten die ausgewählt werden, "die die Richtung der Orientung, die für das System als Ganzes wünschenswert ist"[12], definieren.

 Die oben beschriebene Entstehung einer Rangordnung stellt sowohl die Ursache wie auch die Wirkung der klassischen Dimensionen sozialer Ungleichheit dar. So ist die formale Bildung eine wichtige Voraussetzung zum Eintritt in das Berufssystem, während Einkommen, Macht und soziales Ansehen in der modernen Industriegesellschaft aus der Position in diesem System resultieren.

 

3. DIE PRINZIPIEN DER FUNKTIONALISTISCHEN SCHICHTUNGSTHEORIE

Im Kontext der Debatte mit Kingsley Davis und Wilbert E. Moore über die Prinzipien der Schichtung im Jahr 1953 wurden von Melvin M. Tumin folgende  Aussagen zur Zusammenfassung ihrer Theorie getroffen.[13]

 

3.1. DIE WICHTIGEN FUNKTIONEN

"1. In jeder Gesellschaft sind bestimmte Positionen funktional wichtiger als andere und erfordern spezielle Fähigkeiten zu ihrer Ausführung."

Für Kingsley Davis und Wilbert E. Moore gibt es wenigstens vier gesell­schaftliche Bereiche, die übergeordnete soziale Funktionen erfüllen: die Religion, die Regierung, Reichtum, die ökonomisch determinierte Besitz und Arbeit und das technische Wissen. Die Priesterschaft übernimmt die Aufgabe mit Hilfe des Glaubens, der religiösen Rituale und dem "Kontakt mit den Göttern"[14] Werte zu etablieren und sie in den Alltag der Bevölkerung zu integrieren. Hierfür ist zwar nur eine geringe technische Kompetenz nötig, jedoch geniessen diese wenigen Personen aufgrund ihrer Rolle als Medium zum Übernatürlichen, Vollzieher der Rituale, Bewahrer der heiligen Tradition und als Ausleger der Gebote und Mythen besondere Privilegien. Die Priester müssen ihren Kontakt zum Übernatürlichen und ihre funktionale Notwen­digkeit ständig beweisen, besonders wenn die gesellschaftliche Nachfrage in Richtung der weltlichen Güter tendiert. Gerade in Gesellschaften, in denen ein allgemein hoher Lebensstandard vorherrscht, besitzt die Priesterposition einen hohen Status.

Die Regierung transformiert die Werte in Normen, entscheidet in Inte­ressenkonflikten, plant und dirigiert die gesellschaftlichen Geschicke und ist zuständig für die Beziehungen mit anderen Regierungen, sei es in Form von Krieg oder als Diplomatie. Hierfür handelt sie als "Repräsentant der Bevölkerung, besitzt das Gewaltmonopol und kontrolliert alle Individuen innerhalb ihres Territoriums"[15]. Jedoch kann politische Ungleichheit, z.B. in Form von Macht, nicht gleichgesetzt werden mit Ungleichheit allgemein, denn auch die Regierung hat aufgrund der relativ geringen Zahl ihrer Akteure, ihrer Abhängigkeit von "technischer Assistenz"[16] und der erwähnten Repräsenta­tionsrolle beschränkten Handlungsspielraum. Zur Ergänzung der politisch, religiös oder ökonomisch vorgegebenen Ziele bedarf es also des technischen Wissens zur Erfüllung der Funktion des "Findens von Mitteln zur Erreichung einzelner Ziele"[17]. Aufgrund dieser "Handlangerfunktion" sind die Positionen des technischen Wissens denen der Religion, der Regierung und der Wirt­schaft untergeordnet.

Die wirtschaftlichen Positionen bestimmen den gesellschaftlichen Reichtum, den individuellen Besitz, das Arbeitsangebot und den Wettbewerb um die Besetzung von Arbeitsplätzen. Der "Besitz an Produktionsgütern"[18], Patenten und Firmenwerten verleiht ihrem Inhaber Einfluß, Macht über die Arbeitskraft der beschäftigten Menschen, berufliches Ansehen und stellt eine Quelle für Einkommen dar. Die Funktion der Wirtschaft ist das Bereitstellen der materiellen Belohnungen für alle Positionen, die ihrem Träger zur Siche­rung des Lebensunterhalts dienen, und damit das Gewährleisten eines Wett­bewerbs um diese Positionen.

 

3.2. TALENT UND BILDUNG

"2. In jeder Gesellschaft besitzt nur eine beschränkte Anzahl von Individu­en die Begabung, die notwendig ist für die den Positionen angemessenen Fähigkeiten.

3. Die Umwandlung von Begabung in Fähigkeit schließt eine Periode der Ausbildung ein, in deren Verlauf von denen, die sich ihr unterziehen, Opfer gebracht werden müssen."

Nach Davis und Moore wird die Qualifikation für eine Position durch zwei Faktoren bestimmt: das Talent und die Ausbildung. Die funktiona­listische Schichtungstheorie besagt, Talent sei in jeder Gesellschaft ein knappes Gut. Dieser Punkt ist wohl einer der strittigsten dieser Theorie. Nur wenige Personen besäßen die angeborenen Fähigkeiten, wie z.B. Fleiß, Sorgfalt, Geschicklichkeit und Klugheit, die nötig sind, um die funktional wich­tigen Positionen auszufüllen. Vorerst sind diese jedoch für die Ausbildung, das Training von Bedeutung. Hierzu wird als "Opfer" neben verfügbarer Zeit und genügend Geld auch die Bereitschaft gefordert, Mühen auf sich zu nehmen, denn "der Ausbildungsprozeß ist so lang, kostspielig und anstrengend, daß nur wenige sich qualifizieren können."[19] Der formale Bildungsgrad, der sich in Zertifikaten zu bestandenen Prüfungen, Schulab­schlüssen und der Dauer der Ausbildung ausdrückt, entscheidet dann über die Qualifikation und den Zugang zu bestimmten Positionen.

Mit den Kosten verbunden ist, daß nur diejenigen, die hohe Beloh­nungen aufgrund ihrer Positionen erhalten, sich eine solche Ausbildung für ihre Kinder leisten können.

"Diese Kosten werden von dem Einkommen bezahlt, das die Eltern kraft ihrer privilegierten Positionen in der Hierarchie der Schichtung zu ver­dienen in der Lage sind."[20]

In einer Gesellschaft mit einem staatlich finanzierten Bildungssystem und der Schulpflicht wird dieses Privileg der oberen Schichten jedoch zum Teil ausgeglichen. Aufgrund des allgemein relativ hohen Bildungsniveaus in nachindustriellen Gesellschaften ist es dort für den einzelnen unabwendbar, sich einem ständigen Konkurrenzkampf in der "Zeugnisgesellschaft" auszu­setzen. Bildung wird zu einer "notwendigen Selbstschutzmaßnahme"[21]: wer sich nicht fortbildet, wird von der Teilnahme am Wettkampf um die höheren Positionen und Belohnungen ausgeschlossen. So spricht Daniel Bell davon, daß "Bildung den Zugang zur Macht liefert"[22].

Gut ausgebildete Personen haben Vorteile gegenüber denjenigen, die bereits früh den Einstieg in das Berufsleben gefunden haben, Melvin M. Tumin erwähnt zumindest vier dieser "psychischen und geistigen Belohnungen"[23]:

(1)          das Ansehen eines Studenten auf der Universität oder im Berufsleben verglichen mit dem eines Angestellten in einem Geschäft oder Büro,

(2)          größere Möglichkeiten der persönlichen Entwicklung,

(3)          die Möglichkeit, eines Aufschubs für die Übernahme der Verantwortung eines Erwachsenen (Finanzierung des Lebensunterhalts, Ernährung einer Familie),

(4)          der Zugang zu Muße und Freiheit.

 

3.3. MOTIVATION UND BELOHNUNG: EINKOMMEN

"4. Um die begabten Personen dazu zu bewegen, diese Opfer zu bringen und einen Ausbildungsabschluß zu erwerben, müssen deren zukünftige  Posi­tionen als Motivation einen differenzierten, privilegierten und ungleichen Zu­gang zu der knappen und gewünschten Belohnung, die die Gesellschaft anbieten muß, eröffnen."

Nach Ansicht von Davis und Moore ist der Belohnungsprozeß funktional notwendig, um die Positionen, die eine hohe Qualifikation und viel Fleiß erfordern, adäquat zu besetzen. Er ist "notwendig..., um die Anreize zur Besetzung der verschiedenen Positionen zu schaffen"[24] und um "in den richtigen Personen den Wunsch zu wecken, genau diese Positionen zu besetzen und...pflichtgemäß auszuführen"[25].

Gewährleistet wird die materielle Belohnung durch die Ökonomie, die diejenigen Güter produziert und den Positionsträgern zur Verfügung stellt, die diese zum Lebensunterhalt benötigen. Im Sinne des Leistungsprinzips wird diejenige Position am höchsten belohnt, die die höchsten Anforderungen, wie z.B. ein hohes Bildungsniveau, an deren Träger stellt. Als ein weiteres Krite­rium für die funktionale Wichtigkeit einer Position und ihre hohe Belohnung kann auch der Grad ihrer "Unersetzlichkeit" angesehen werden. Für Wlodzimierz Wesolowski spielen hierbei vor allem die quantitativen Unter­schiede im erforderlichen Ausbildungsniveau eine Rolle. Je höher die für eine Position nötige Qualifikation ist, desto unersetzlicher und wichtiger ist sie und desto höher muß sie belohnt werden. Die Begründung hierfür ist stark an der Praxis orientiert. Um zu verhindern, daß der Träger einer uner­setzlichen Position seinen beruflichen Pflichten nicht nachkommt, womit sich das Problem einer Vertretung seiner Position ergeben würde, soll er durch eine hohe Belohnung motiviert werden. Die Besetzung seiner Position durch niederrangige Personen würde schon daran scheitern, daß letztere eine geringere Qualifikation besitzen.[26]

Verteilt werden die Güter im Rahmen der sozialen Rangordnung der Positionen. Melvin M. Tumin stellt die Notwendigkeit eines solchen Zuwei­sungssystems in Frage. Seiner Meinung nach sind mit dem Tätigsein in den funktional wichtigen Positionen innere Befriedigung und Spaß durch das Beweisen der eigenen Fähigkeiten, z.B. Geschicklichkeit, verbunden. Des weiteren kritisiert Tumin das Menschenbild der Funktionalisten. Der Mensch könne auch durch andere Dinge als durch Belohnungen zur Ausführung anstrengender Tätigkeiten motiviert werden. So könnten gerade die funk­tional wichtigen Positionen als solche Pflichten wahrgenommen werden, deren Ausübung der Gesellschaft dienen. Im Rahmen der Sozialisation könnte ein solches soziales Pflichtgefühl vermittelt werden und als sozialer Dienst institutionalisiert werden.[27] Genau hier sieht Davis ein Problem:

"Wenn wirklich jeder nur das tun würde, wozu er Lust hat, würde sich die gesamte Bevölkerung auf wenige Typen von Positionen konzentrieren."[28]

 

"5. Diese knappen und gewünschten Güter bestehen aus Rechten und Nebenverdiensten, die sich aus den Positionen ergeben oder mit ihnen verbunden werden und können klassifiziert werden als die Dinge, die beisteuern zu a) Lebensunterhalt und Wohlstand, b) Humor und Zer­streuung, c) Selbstachtung und Selbstentfaltung."

 

3.4. BERUFS - PRESTIGE

"6. Dieser differenzierte Zugang zu den grundsätzlichen Belohnungen bewirkt eine Differenzierung von Prestige und Ansehen, die mit der Zuge­hörigkeit zu den verschiedenen Schichten erworben werden. Im Zusammenhang mit den Rechten und Nebenverdiensten wird soziale Ungleichheit als Schichtung institutionalisiert."

Das ungleiche Ansehen von Personen ist in der modernen Industriegesellschaft überwiegend durch die Beurteilung ihrer Berufsposition geprägt. Der Begriff des Prestige beschreibt zwei gesellschaftliche Eigen­schaften: erstens die "Werthaltigkeit dieser Ungleichheit" der Einordnung von Positionen in eine Rangordnung und zweitens den "graduellen, abstufenden Charakter" der sich daraus ergebenden Rangordnung.[29]

Für Melvin M. Tumin unterscheiden sich die Positionen in der Rang­ordnung durch "persönlichen Qualitäten" und "Fähigkeiten" ihres Trägers und durch ihre Konsequenz für die Gesellschaft als "sozialer Nutzen". Diese "rollenspezifische Bewertung" unterscheidet sich von der geschätzten "all­gemeinen Beurteilung der gesellschaftlichen Lage" einer Person, bei der sowohl die ihr objektiv zuschreibbaren Positionen, z.B. ihr Beruf, und die damit verbundenen Belohnungen als auch andere relevante Determinanten, wie Alter, Herkunft und Geschlecht, zu einer Bewertung zusammengezogen werden.[30]

"Das mit einem Beruf verbundene Prestige ist ein Charakteristikum, erzeugt durch seine Eingliederung in die Arbeitsteilung, die Höhe der in die beruflichen Aktivitäten inbegriffenen Macht und den Einfluß, die Eigenschaften des Positionsträgers und die Höhe der dem Positionsträger von der Gesellschaft zur Verfügung gestellten Ressourcen."[31]

Nach Ansicht der Strukturalisten in der funktionalistischen Schichtungs­theorie steht das relativ stabile, hierarchische System der Prestigedifferen­zierung in engem Zusammenhang "mit dem industriellem System, dem Natio­nalstaat und bestimmten Bedürfnissen und Werten, wie das Interesse an Gesundheit"[32] z.B. in der sozialen Marktwirtschaft des Wohlfahrtsstaats. Besonders angesehen und belohnt sind nach Ansicht der Funktionalisten Robert W. Hodge, Donald J. Treiman und Peter H. Rossi die Berufsposi­tionen, die an der Spitze derjenigen "spezialisierten Institutionen" stehen, die in mehr oder minder komplexen Gesellschaftssystemen "politische, religiöse und ökonomische Funktionen" erfüllen und für "die Gesundheit, die Erziehung und die Wohlfahrt der Bevölkerung" sorgen.[33] Charakteristisch für diese Kom­plexität sei die bereits erwähnte Arbeitsteilung und das Vorhandensein von Berufspositionen in den Bereichen der Medizin, Geistlichkeit, Lehrerschaft, Polizei, des Handels und Handwerks und der Landwirtschaft, gleichwie sie jeweils benannt werden.[34]

Die Kulturalisten sehen den Ursprung der Prestigedifferenzierung in den "Unterschieden in der Bewertung bestimmter Berufe im standardisierten modernen Berufssystem"[35] verschiedener Kulturen. Kultureller Wandel mache sich sofort in einer Inversion, einer Umkehrung, der Prestigepositionen bemerkbar.

 

"7. Daher ist in jeder Gesellschaft soziale Ungleichheit im Rahmen von unterschiedlichen Schichten als unterschiedlicher Besitz von knappen und

gewünschten Gütern und von Prestige und Ansehen sowohl positiv funktional als auch unvermeidlich."

 

4. MACHT: FUNKTIONSELITEN UND VETO - GROUPS

Max Weber definierte den Begriff der Macht folgendermaßen:

"Macht bedeutet jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht."[36]

In ähnlicher Weise sagt Talcott Parsons, Macht sei "die legitimierte Fähigkeit, loyale Mitarbeit innerhalb der institutionalisierten Grenzen zu verlangen, ohne daß zuvor der Inhalt der erwarteten Performanzen spezifiziert werden müßte."[37] Es werden zwei Arten von Macht unterschieden: die perso­nelle und die strukturelle Macht. Im ersten Fall üben Individuen "durch absicht­liche Einwirkungen ihren Willen gegenüber anderen"[38], die dies wahr­nehmen, aus. Bei der strukturellen oder sozialen Macht repräsentiert das Individuum Strukturelemente, wie z.B. als Träger einer hohen Position oder Rolle innerhalb von Bürokratie oder Organisation. Im Unterschied zur personellen Form kann strukturelle Macht als "unbeab­sichtigte und potentielle"[39] Einflußnahme auftreten oder durch ihre Objektivität unbemerkt bleiben. Die letztere wird im Hinblick auf die funktionalistische Schichtungstheorie als Erklärungsmuster zur Entstehung von sozialer Ungleichheit in Form von Macht dienen.

Parsons' Ansicht nach ergeben sich durch die "Konzentration der Verantwortlichkeit für bestimmte Funktionen" in zweierlei Hinsicht Vorteile für eine zunehmend sozial differenzierte Gesellschaft. Erstens nehme die Not­wendigkeit einer Organisation der "inneren Ordnung" zu, gemeint ist z.B. die "Kontrolle der Gewaltanwendung" und der Schutz des Eigentums und des Territoriums. Zweitens entwickelt sich mit Wachstum und Differenzierung eine Vielfalt neuer Gruppierungen und Subkulturen, die neue Qualitäten, wie Interessen und Solidaritäten in das traditionelle Gesellschaftssystem ein­führen. Was folge, sei ein "Druck auf die Zentralisierung der Verantwortung für Symbolsysteme, insbesondere die religiösen" und der Bedarf an Autorität und für alle geltende Regeln.[40]

Nach Talcott Parsons gibt es vier Funktionen, die in der "Hierarchie der Kontrollbeziehungen"[41] erfüllt werden müssen:

(1)          Strukturerhaltung, d.h. Institutionalisierung von Werten und Sozialisation als deren Interna­lisierung (im Rahmen des kulturellen Systems)

(2)          Zielorientierung, d.h. innerhalb eines variablen Systems mit vorgege­benen Richtlinien für die Motivation "notwendige Beiträge für das Funk­tionieren des Systems zu liefern"[42] zu sorgen (im Rahmen des politischen Systems)

(3)          Adaption, d.h. Ausgleich von Nachteilen, die sich bei der Selektion bestimmter Ziele für bestimmte Akteure ergeben (im Rahmen des ökono­mischen Systems)

(4)          Integration, d.h. Vorgabe von Normen, die die Zuständigkeit der Subsys­teme zum Funktionieren des Systems regeln (im Rahmen von Gesetzen)

Unter dem Begriff der Funktionseliten werden alle "Inhaber von sozial hoch geschätzten und privilegierten Positionen und Rollen in der Gesellschaft"[43], die "im gesellschaftlich-politischen Wirkungszusammen­hang"[44]  Funktionen wie die oben genannten erfüllen, zusammengefaßt. Ralf Dahrendorf geht von einem pluralistischen System aus, in dem die funktionalen Eliten der Bereiche Politik, Wirtschaft, öffentiche Verwaltung, Militär, Kirche, Kultur und Massenmedien[45] miteinander konkurrieren. Machtkonzentration und personelle Verflechtung, z.B. als Kumulation verschiedener Funktionen, gibt es nach Ansicht Dahrendorfs wegen der Vielfalt divergierender Interessen und dem fehlendem Zusammengehörig­keitsgefühl der Teileliten nicht.

Auch der amerikanische Soziologe David Riesman beschrieb Ende der 50er Jahre mit der Theorie der amerikanischen veto - groups diese Interessendivergenz. Jede der Teileliten, wirtschaftliche und politische Lobbies, Interessenverbände und ethnische und regionale Gruppierungen[46], sei fähig ihren Interessen gemäß, bei gesellschaftlichen Entscheidungen Ein­spruch einzulegen. Riesman spricht von einer zweistufigen Gesellschaft. "Oben" befinden sich die Gruppen, die aufgrund ihrer Organisiertheit fähig sind, Einspruch gegen Entscheidungen anderer einzulegen, "unten" die "unorganisierte Öffentlichkeit".[47]  In dieser relativ stabilen Ordnung hätten sich die Teileliten "wohlverschanzt"[48] und seien fähig ihre "Angreifer zu neutralisieren"[49], wenn diese innerhalb dieses Systems des "monopo­listischen Wettbewerbs"[50] ihre juristisch abgesteckte Interessensphäre berühren. Innerhalb der Veto - Gruppen sind die Verhältnisse von Über- und Unterordnung gestaltlos, ist die Struktur der Macht allgemein "amorph"[51].

Durch eine Synthese von Positions- und Entscheidungsmethode kann herausgefunden werden, welche Spitzenpositionen der einzelnen Bereiche  die höchste Macht, definiert als die beabsichtigte Durchsetzung von Interes­sen der Träger formaler Führungspositionen in öffentlichen Entschei­dungsprozeßen, innehaben. Bei der Untersuchung der Positionen wird die "formale Kompetenz der Führungsstellen"[52], bei der Entscheidungsmethode die Durchsetzung der vorher formulierten Interessen als Kriterium für Macht angesehen.

Die oben behandelte Macht wird von Personen "zur verantwortlichen Wahrnehmung ihrer Rollen benötigt"[53]. Macht wird von ihnen auch als Belohnung für die Erfüllung der Funktionen und die Vertetung der Interessen

empfangen. Mit Hilfe dieser Macht als Konsequenz der Schichtung befinden sie sich in zweierlei Hinsicht in der Lage, Maßstäbe für die Beurteilung der Positionen und Rollen zu setzen.

"Einmal werden die am engsten mit den Interessen der Elite verbundenen Positionen besonders betont und bewertet. Zum anderen ist die Machtelite wahrscheinlich in der Lage, die Einstellungen der restlichen Bevölkerung zu beeinflussen...In Gesellschaften, in denen der Reichtum dominiert, ist Besitz das wichtigste Bewertungskriterium...; eine moderne Industrie­gesell­schaft, z.B. die USA, hebt dagegen Rollen in der Produktion von Gütern und Dienstleistungen hervor." [54]

 

5. LITERATURVERZEICHNIS

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[1]Amann, Anton: Soziologie. Ein Leitfaden zu Theorien, Geschichte und Denkweisen. 3. Aufl., Wien 1991. S. 143.

[2]Bell, Daniel: Die nachindustrielle Gesellschaft. 2. Aufl., Frankfurt/Main, New York 1976. S.80.

[3]Hartfiel, Günter: Wörterbuch der Soziologie. 2. Aufl., Stuttgart 1976, Stichwort "Arbeitsteilung"

[4]Parsons, Talcott: Grundzüge des Sozialsystems. In: Jensen, Stefan (Hrsg.): Talcott Parsons. Zur Theorie sozialer Systeme. Opladen 1976. S. 185.

[5]Hartfiel: Wörterbuch. Stichwort "Funktion".

[6]Lepsius, Mario R.: Ungleichheit zwischen den Menschen und soziale Schichtung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 21 (1961), S. 61. zit. nach: Amann, Anton: Soziologie. S. 72.

[7]Hartfiel: Wörterbuch. Stichwort "Leistungsgesellschaft".

[8]Amann: Soziologie. S. 77.

[9]ebd., S. 80.

[10]Dahrendorf, Ralf: Homo sociologicus. In: Ders.: Pfade aus Utopia. München 1967. S. 363f. zit. nach: Amann: Soziologie. S. 80.

[11]Hartfiel: Wörterbuch. Stichwort "Norm".

[12]Parsons, Talcott: Grundzüge des Sozialsystems. S. 184.

[13]Tumin, Melvin M.: Some principles of stratification. A critical analysis. In: Bendix, Reinhard und Seymour M. Lipset (Hrsg.): Class, status and power. Social stratification in comparative perspective. 2. Aufl., New York 1966. S. 53f.

[14]Davis, Kingsley und Wilbert E. Moore: Some principles of stratification. In: Bendix, Reinhard und Seymour M. Lipset (Hrsg.): Class, status and power. S. 49.

[15]ebd., S. 50.

[16]ebd.

[17]ebd., S. 51.

[18]ebd.

[19]ebd., S. 49.

[20]Tumin, Melvin M.: Some principles of stratification. S. 55.

[21]Bell: Die nachindustrielle Gesellschaft. S. 303.

[22]ebd., S. 257.

[23]Tumin, Melvin M.: Some principles of stratification. S. 56.

[24]Hartfiel, Günter: Soziale Schichtung. München 1981. S. 39.

[25]Davis, Kingsley und Wilbert E. Moore: Some principles of stratification. S. 47f.

[26]vgl. Wesolowski, Wlodzimierz: Some notes on the functional theory of stratification. In: Bendix, Reinhard und Seymour M. Lipset (Hrsg.): Class, status and power. S. 65.

[27]Tumin, Melvin M.: Some principles of stratification. S. 56.

[28]Davis, Kingsley: Reply to Tumin. In: Bendix, Reinhard und Seymour M. Lipset (Hrsg.): Class, status and power. S.61.

[29]Dahrendorf, Ralf: Aspekte der Ungleichheit in der Gesellschaft. In: Europäisches Archiv für Soziologie. 1 (1960), S. 222. zit. nach: Wiehn, Erhard R.: Soziale Schichtung. In: Ders. und Karl Ulrich Mayer: Soziale Schichtung und Mobilität. S. 48.

[30]Tumin, Melvin M.: Schichtung und Mobilität. Grundfragen der Soziologie, Bd. 5. München 1968. S.45f.

[31]Hodge, Robert W. und Paul M. Siegel und Peter H. Rossi: Occupational prestige in the United States: 1925-1963. In: Bendix, Reinhard und Seymour M. Lipset (Hrsg.): Class, status and power. S. 322.

[32]Inkeles, Alex und Peter H. Rossi: National comparisons of occupational prestige. In: American journal of sociology, 61 (1956), S. 339. zit. nach: Hodge, Robert W. und Donald J. Treiman und Peter H. Rossi: A comparative study of occupational prestige. In: Bendix, Reinhard und Seymour M. Lipset (Hrsg.): Class, status and power. S. 310.

[33]Hodge, Robert W. und Donald J. Treiman und Peter H. Rossi: A comparative study. S. 310.

[34]vgl. ebd., S. 311.

[35]ebd., S. 310.

[36]Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. 5. Aufl., Tübingen 1976. S. 28.

[37]Parsons, Talcott: Grundzüge des Sozialsystems. S. 237.

[38]Bolte, Karl-Martin und Stefan Hradil: Soziale Ungleichheit in der Bundesrepublik Deutschland.

6. Aufl., Opladen 1988. S. 172.

[39]ebd., S. 173.

[40] Parsons, Talcott: Evolutionäre Universalien der Gesellschaft. In: Zapf, Wolfgang (Hrsg.): Theorien des sozialen Wandels. Köln, Berlin 1970. S. 59f.

[41]Parsons, Talcott: Grundzüge des Sozialsystems. S. 171ff.

[42]ebd., S. 175.

[43]Hartfiel: Wörterbuch. Stichwort "Elite".

[44]Bolte, Karl-Martin und Stefan Hradil: Soziale Ungleichheit. S. 177.

[45]ebd., S. 178; vgl. Dahrendorf, Ralf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. 2. Aufl., München 1968. S. 278.

[46]vgl. Riesman, David: The lonely crowd. A study of the changing american charachter. 3. Aufl., New York 1954. S. 247.

[47]vgl. Kornhauser, William: Power elite or veto-groups? In: Bendix, Reinhard und Seymour M. Lipset (Hrsg.): Class, status and power. S. 211.

[48]Riesman, David: Die einsame Masse. Hamburg 1958. S. 237. zit. nach: Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands. Bonn 1992. S. 82.

[49]Riesman, David: The lonely crowd. S. 247

[50]ebd.

[51]ebd., S. 248.

[52]Bolte, Karl-Martin und Stefan Hradil: Soziale Ungleichheit. S. 174.

[53]Tumin, Melvin M.: Schichtung und Mobilität. S.64.

[54]ebd., S. 54f.