JOHANNES GUTENBERG -
UNIVERSITÄT MAINZ
Institut für
Soziologie
"RESIDUEN UND
DERIVATIONEN"
2.1. Klasse I: Instinkt der Kombinationen
2.2. Klasse II: Persistenz der Aggregate
2.3. Klasse III: Bedürfnis, Gefühle mit
äußeren Handlungen auszudrücken.
2.4. Klasse IV: Residuen in Beziehung zur
Soziabilität
2.5. Klasse V: Integrität des Individuums und
seines Zubehörs
2.6. Klasse VI: Sexuelles Residuum
3.3. Klasse III: Übereinstimmung mit Gefühlen
oder Prinzipien
Der Nationalökonom und Soziologe Vilfredo Pareto (1848-1923) ließ sein Werk Trattato di Sociologia generale im Jahr 1916 veröffentlichen, nachdem er nahezu 20 Jahre lang daran gearbeitet hatte. Hierin beschrieb er seine Vorstellung von den Ausprägungen der menschlichen Handlungen als Grundlagen der Gesellschaften speziell in Europa, dem vorderen Asien und Nordafrika.
Er unterschied diese in logische und nicht-logische Handlungen. Logische Handlungen seien die Handlungsweisen, deren subjektiver Zweck mit "der objektiven Gegebenheit, wie sie logisch-experimentell ermittelt wurde"[1], übereinstimme. Beispiele hierfür finden sich im Bereich der Ökonomie, wo der offensichtliche Zweck einer Transaktion der wirtschaftliche Nutzen dem Ziel der handelnden Person entspricht. Der eigentlichen Handlung geht ein vernunftgesteuerter Denkprozeß in der Art einer Kosten-Nutzen-Aufstellung voraus.
Der überwiegende Teil der menschlichen Handlungen ist nach Ansicht Paretos jedoch nicht-logisch, weil der Mensch kein Wesen sei, das nur von der Vernunft gesteuert werde. Diese zweite Klasse menschlicher Handlungen steht unter dem Einfluß von den Instinkten und Gefühlen des Menschen. Der objektive Zweck stimmt hier nicht mit der "subjektiven Ziel-Mittel-Beziehung"[2] überein. Für einen objektiven, d.h. von den die Handlung beeinflußenden Gefühlen und Instinkten freien, Beobachter würde sich der Zweck der Handlung anders darstellen als für den Handelnden selbst. Als Beispiel hierfür soll ein Tieropfer im Rahmen eines Rituals beschrieben werden. Der Opfernde würde das subjektive Ziel verfolgen, durch seine Handlung Einfluß auf eine bestimmte Gottheit zu nehmen. Für einen neutralen Betrachter erschiene diese Handlung als einfache Tötung eines Tieres.
Vilfredo Pareto versuchte darzustellen, durch welche den erwähnten Gesellschaften gemeinsamen Instinkte ihre Handlungen beeinflußt werden.
Ein weiteres in der Natur des Menschen verankertes Problem, das Pareto erläuterte, ist der Drang, an sich nicht-logische Handlungen durch logische oder scheinbar logische Begründungen zu rechtfertigen.
Der Soziologe teilte daher Handlungen (c) in eine Gruppe (a) und eine Gruppe (b) ein. Mit der Gruppe (a) beschreibt er direkt die nicht-logischen Handlungen als Äußerung von Gefühlen und Instinkten. Sie sei das "fundamentale Element"[3] einer Handlung, die Gruppe (b) das "zufällige Element"[4]. Letzteres sei der Ausdruck des menschlichen "Bedarfs an Logik"[5] und "entspricht der Arbeit des Geistes, um über das Element (a) Rechenschaft abzulegen."[6] Durch diese logische Begründetheit einer gefühlsmäßig gesteuerten Handlung erscheint sie verallgemeinert und wird daher akzeptiert.
Vilfredo Pareto benennt in seinem Trattato di Sociologia generale das Element (a) mit dem Begriff des Residuums, das Element (b) nennt er Derivation. Beide Elemente werden in verschiedene Klassen unterteilt und mit Beispielen erläutert.
"Die Residuen entsprechen gewissen Instinkten des Menschen."[7] Welchen Instinkten sie entsprechen soll in der folgenden Einteilung der Residuen in sechs Klassen deutlich gemacht werden. Allerdings muß man "sich sehr hüten, die Residuen (a) mit den Gefühlen oder den Instinkten zu verwechseln, denen sie entsprechen. Die ersteren sind die Manifestation der letzteren."[8]
Vilfredo Pareto wählte bei seiner Theoretisierung eine induktive Vorgehensweise. Erst betrachtete er gewisse gesellschaftliche Gegebenheiten der Religion, der Politik und der Ökonomie und zog dann Schlüsse auf die jeweils einwirkenden Instinkte. Dadurch fallen "alle die einfachen Begierden, die Geschmacksrichtungen"[9], kurz die individuellen "Interessen"[10] aus der Betrachtung heraus, soweit sie nicht durch Rationalisierungen die Allgemeinheit ansprechen.
Die Residuen aus dieser Klasse entstehen aufgrund der menschlichen Eigenschaft, gewisse Dinge instinktiv zu glauben, ohne sich der Instinktivität bewußt zu sein. "Oft legt der Mensch das Bedürfnis an den Tag, bestimmte in seinem Geist vorhandene Residuen zu verknüpfen. Es handelt sich um eine Manifestation seiner Neigung zur Synthese."[11] Der Mensch sei nur im Rahmen der Wissenschaft in der Lage, ein Problem innerhalb eines begrenzten Rahmens zu betrachten. Im Alltag neige er dazu, z.B. auch über die Nützlichkeit einer Problemlösung nachzudenken. Bei dieser Synthese, der Kombination verschiedenster Instinkte und Gefühle, spielen das "unendliche Bedürfnis des Menschen nach pseudologischen Folgerungen" und die "Phantasie"[12] eine wichtige Rolle.
Pareto differenziert zwischen "wirksamen und unwirksamen Kombinationen"[13]. Sie unterscheiden sich durch den Gehalt an Logik in der Behandlung einer Problemstellung. Wenn es darum geht, die "Ursache" eines Problems herauszufinden, werden häufig "imaginäre"[14], nicht auf einer logischen Basis errichtete Erklärung erfunden. Als ein solches Problem führt Pareto "die Wirksamkeit gewisser Kulthandlungen"[15] an, die unbewußt instinktiv geglaubt aber mit der Religion erklärt wird.
Das aus der Verbindung mehrerer Kombinationen, wie sie in 2.1. beschrieben wurden, gebildete Aggregat stellt sich dar "wie ein einziger Körper"[16]. Er entwickelt, z.B. durch die Begriffsbildung, eine Eigendynamik, eine "Persönlichkeit", die sich instinktiv "mit unterschiedlicher Stärke der Trennung der darin verknüpften Teile widersetzt und der, wenn die Trennung auch nicht verhindert werden kann, sie durch die Beihaltung des Bildes des Aggregates zu verhehlen sucht."[17]
Die Persistenz, der Zusammenhalt der Teile und dessen beharrliche Existenz, veranlaßt gleichzeitig viele verschiedene Assoziationen. Der Status des römischen Kaisers beinhaltete die Personifikation für "das Imperium, die Gerechtigkeit, die Pax romana"[18]auch über den Tod des jeweiligen Kaisers hinaus.
Durch den Begriff der Nation soll ein Patriotismus suggeriert werden, der bekannterweise gleichzeitig die gemeinsame Herkunft, Sprache, Religion, Geschichte und Tradition impliziert. Allgemein werden durch das "Leben in einem gegebenen Kollektiv"[19] seinen Mitglieder Denk- und Handlungsanweisungen oktroyiert, deren "pseudo-objektive Existenz"[20] normativ akzeptiert wird, ohne hinterfragt zu werden.
Bestimmte Gefühle wie Freude und Aufregung, werden vom
Menschen wie vom Tier immer mit bestimmten Handlungen verbunden. Sie begleiten
das Gefühl und befriedigen so "das Bedürfnis zu handeln."Die
Handlungen, mit denen die Gefühle sich äußern, bestärken sie und können sie
auch bei jemand, der sie noch nicht empfindet, hervorrufen."[21]
In der Psychologie gilt es als Tatsache, daß es durch diese direkte oder
indirekte Verbindung einer bestimmten Gemütsverfassung mit einem "physischen Zustand"[22]
möglich ist, durch eine Handlung, die dem jeweiligen pysischen Zustand
entspricht, dieses bestimmte Gefühle hervorzurufen. Es entsteht eine "Kette von Aktion und Reaktion"[23].
Zu dieser Klasse gehört das Residuum der Exaltation, der Überspannung des Gefühls und des Willens. Entsprechend übertrieben erfolgen dann auch die Reaktionen auf diese Gemütsbewegungen. So werden ganze Religionen genealogisch von einigen wenigen Propheten abgeleitet.
Die menschliche Neigung zur Gesellschaftsbildung wird bestimmt durch das Streben zur Uniformität und dem "wechselseitigen Wohlwollen"[24]. Letzteres drückt sich aus "im Leiden des Individuums für das Wohl anderer"[25], konkret in der gegenseitigen Hilfeleistung und der Verteidigung von Dingen, denen es hierarchisch untergeordnet ist.
"Fast
stets werden die Gefühle der Soziabilität, die durch die verschiedenen
Residuen ausgedrückt werden, die wir gerade betrachten, von dem Verlangen nach
Billigung oder der Furcht vor Mißbilligung durch die Mitmenschen
begleitet."[26]
Das "Bedürfnis der Billigung durch das Kollektiv"[27] stellt für Pareto die "tatsächliche Grundlage der Gesellschaft"[28] dar. Gleichgesetzt mit der "Furcht vor Mißbilligung durch die Mitmenschen"[29] verstärkt die Aussicht auf Bewunderung den primären Grund, den Willen eines Menschen, eine Handlung per se zu vollbringen. Sowohl ein Asket als auch ein Märtyrer, der sich "getröstet vom Gedanken an den Ruhm"[30] töten läßt, würden leugnen, ihren Lebensstil auf die Bewunderung durch andere auszurichten. Dennoch verstärkt diese Aussicht unbewußt ihren Handlungsdrang.
"Diese Klasse wird von den Gefühlen der Sicherheit des Individuums und seines Zubehörs konstituiert."[31] Die Residuen dieser Klasse sind beherrscht von den menschlichen Instinkten des "Gleichheitsgefühls", das bei einer Störung des "gesellschaftlichen Gleichgewichts"[32] zu dessen sofortiger Wiederherstellung beiträgt. Dieses Gefühl entspricht nach Auffassung Paretos nicht der abstrakten Konstruktion eines instinktiven Strebens nach Gleichheit, sondern den "direkten Interessen von Personen"[33], von ihnen als ungünstig empfundene Ungleichheiten zu ihren Gunsten zu beeinflußen. Das Gefühl der persönlichen Integrität ist die Voraussetzung für Handlungen, die darauf abzielen, die physische und psychische Unversehrtheit über den reinen Lebenserhaltungstrieb hinaus zu verteidigen bzw. zu entwickeln.
Zu dem "Besitz" bzw. dem "Zubehör" des Individuums rechnet Pareto die Kultur, zu deren Verteidigung sich bestimmte Personen, wie die"Alldeutschen"[34], verpflichtet fühlen.
Im Gegensatz zur Antike, in der der Sexualakt als reine Bedürfnisbefriedigung galt, finden sich in
der modernen Gesellschaft die "drei
Tabus der Enthaltsamkeit...die Enthaltung von Fleisch, Wein und allem, was die
geschlechtlichen Beziehungen angeht."[35] Die Sexualität ist im Gegensatz zum
Verzehr von Fleisch und gegorenen Getränken wegen ihrer instinktiven
Triebhaftigkeit, der "Kraft der
Gefühle"[36],
konstant. Die einzigen Variablen sind ihre Form und der Rahmen, in dem sie
praktiziert wird. In Gesellschaften, in denen Prostitution verboten wurde,
existieren Ersatzformen wie das
Konkubinat. Im Rahmen von Sexualreligionen resultieren aus der "Strenge der Form"[37]
Perversionen, Heuchelei oder die Entwicklung freier Religionensformen.
"Das sexuelle Residuum existiert nicht nur in den Vorstellungen, welche die Vereinigung der Geschlecher oder eine erfreuliche Erinnerung daran zum Ziel haben, sondern auch in Vorstellungen, die Tadel, Widerwille oder Abscheu gegen eine solche Vereinigung bezeigen."[38] Die Residuen dieser Klasse dürfen nicht gleichgesetzt werden mit einer physischen Liebesbeziehung. Vielmehr existieren gerade bei Anhängern von keuchen Religionen sexuelle Residuen. So entstehen, z.B. als Ersatzformen für fehlende Sexualität Wohlfahrtstätigkeiten. Die Religionsausübung kann auch bestimmt sein durch die quasi sexuelle Leidenschaft zu einem Religionsführer.
Sexuelle Eifersucht und Metaphern spielen im Bereich dieser
Residuen eine Rolle. So kann die "Sorge,
die Priester und Moralisten aufwenden, um die Frauen von den 'Versuchungen'
fernzuhalten"[39]
so gedeutet werden. Metaphern wie die für Nonnen gebräuchliche Bezeichnung "Bräute Christi"[40]
oder die allen Kirchenvätern eigene "Vision
der Frau"[41]
werden als Beispiele genannt.
Der hauptsächliche Kern eines Derivates (c), wie z.B. einer Handlung, besteht aus einem oder mehreren Residuen. "Dieses Aggregat wird erzeugt und sodann fixiert von einer mächtigen Kraft, nämlich dem menschlichen Bedürfnis nach logischen oder pseudo-logischen Folgerungen."[42] Diese nennt Pareto Derivationen. Durch ihre scheinbare Logik nehmen sie Einfluß auf die Gefühle und verstärken so die Wirksamkeit des Residuums.
Die Derivationen werden auf zwei Kriterien hin untersucht, ihrer Relation zur Logik und zur logisch-erfahrungsmäßigen Wirklichkeit. Im ersten Fall stellt sich die Frage, ob eine logisch erscheinende Folgerung einer unbewußt von Instinkten beherrschten Handlung einen "Trugschluß" darstellt oder ob sie "folgerichtig"[43], d.h. logisch im wahren Sinn des Wortes, ist. "Ein derartiges Studium gehört in die Lehrbücher der Logik, und wir haben uns hier nicht damit zu beschäftigen."[44] Im zweiten Fall kann die Folgerung als logisch erkannt werden oder nur scheinbar logisch sein, weil sie nicht durch empirische Daten belegt werden kann.
Ein weiterer und hier wichtigster Gesichtspunkt ist die "Überzeugungskraft"[45] einer als logisch erscheinenden Folgerung. Der Soziologe untersucht, warum von der Logik als unlogisch entlarvte Derivationen, trotzdem "überzeugen oder akzeptiert werden können."[46] Der Sinn einer solchen Folgerung ist demjenigen, der sie ausspricht häufig wohlbekannt, wird aber von der Person, die sie akzeptiert nicht unbedingt erkannt. Der Zweck wird verschleiert durch Schlußfolgerungen, die das Bedürfnis nach Logik befriedigen, oder es wird durch die "Hinzufügung anderer Residuen"[47] Einfluß auf die Gefühle, z.B. durch bestimmte Assoziationen, genommen.
Man sieht also, daß Gefühle bei der Überzeugungskraft von Derivationen eine wichtige Rolle spielen. Die "Logik der Gefühle" [48] funktioniert nicht nach den Maßstäben des wissenschaftlichen Denkens.
1. Wird ein Residuum durch ein anderes ersetzt, kann die Schlußfolgerung des ersten beibehalten werden, lediglich der Zweck des Wechsels würde abgeschwächt. In der Wissenschaft gilt es als nicht zweckmäßig, eine Prämisse durch eine andere zu ersetzen und trotzdem die Schlußfolgerung beizubehalten.
2. Die Derivation kann bei dem Beweis ihrer "Nichtigkeit"[49] durch eine andere ersetzt werden. Sie ist nur Nebensache, weil sie den untergeordneten Zweck besitzt, die Hauptsache, das Residuum, als logisch erscheinen zu lassen. Im wissenschaftlichen Denken folgt einer Prämisse immer nur ein logischer Schluß, der nicht veränderbar ist.
3. Die Macht eines Derivates hängt von der Bewunderung ab, die ihm aufgrund seiner Konstruktion aus Residuen und Derivationen entgegengebracht wird. Hierbei ist es unwichtig, ob die Schlußfolgerungen logisch nachzuvollziehen sind, wichtig ist vor allem die Überzeugungskraft des ersten grundlegenden Residuums in Verbindung mit der Derivation am Ende der Kette. Im wissenschaftlichen Denken ergeben die Prämissen, die durch empirische Daten verifiziert werden können, durch logische Weiterführung die mächtigsten Schlußfolgerungen.
4. Im wissenschaftlichen Bereich der Logik können "zwei widersprüchliche Behauptungen nicht gemeinsam aufrecht erhalten werden"[50]. Im menschlichen Denken ist dies durch die Interpretation zweier verschiedener Derivationen in Verbindung mit einem Residuum möglich. So können folgende Aussagen gleichzeitig akzeptiert werden: "'Du sollst nicht töten. Du darfst töten.'"[51] Beide ergeben sich aus der christlichen Religion.
Diese Klasse umfaßt die Derivationen in den Formen von "Erzählungen, Behauptungen einer Tatsache, Behauptungen der Übereinstimmung mit Gefühlen."[52] Sie werden in dogmatischer, "absoluter, axiomatischer und doktrinärer"[53] Art formuliert "auf gelehrte, sententiöse Weise"[54], bestenfalls literarisch und in Versform. Die Gefühle, die durch die Art der Formulierung indirekt ausgedrückt bzw. im Zuhörer erregt werden, sorgen dafür, daß derjenige, der selbst solche Gefühle empfindet bzw. überzeugt ist, wie der Vortragende gelehrt oder poetisch zu sein, die Behauptung als Erklärung akzeptiert.
Die Derivationen dieser Art bilden die Schlußfolgerung der Residuen aus der Klasse der Persistenz der Aggregate. Als Beispiel führt Vilfredo Pareto Theodore Roosevelt an, der von 1901 bis 1909 Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika war. Die Präsidentschaft als Aggregat wird verbunden mit einer Menge von Eigenschaften, wie z.B. Tüchtigkeit in jeder Hinsicht und Kompetenz sowohl in den sozialen wie auch den historischen Wissenschaften. Diese Schlußfolgerungen ergeben sich aus der "Gewohnheit"[55]. Sie werden vorausgesetzt, ohne die genauen Gegebenheiten analysiert zu haben. In ähnlicher Art ergeben sich andere Derivationen dieser Klasse aus der "Tradition"[56]. Hier spielt die Berufung auf allgemein anerkanntes Schrifttum, wie die Bibel oder Autoren wie Homer, Vergil oder Dante eine wichtige Rolle für die Überzeugungskraft einer Aussage. Eine andere Möglichkeit der Begründung eines Residuums liefert der "Fortschritt"[57]. So wurde die Entwicklung des Automobils zu Paretos Zeiten mit Hilfe der Derivation "zugunsten des Fortschritts" gegenüber eventuellen Einwänden, wie z.B. der der ökologischen Unverträglichkeit, gerechtfertigt.
"Die Übereinstimmung besteht häufig nur mit den Gefühlen dessen, der die Derivation bildet oder annimmt."[58] Ihre "Übereinstimmung mit den Gefühlen aller Menschen, der größten Zahl, der ehrenwerten Leute usw."[59] wird dogmatisch vorausgesetzt. Ihr allgemeines Vorherrschen in den Menschen, die von der Derivation überzeugt werden sollen, wird akzeptiert. So bilden sich aus einer subjektiven, gefühlsmäßigen Äußerung scheinbar logische Prinzipien.
Ihre angebliche Allgemeingültigkeit wird zur Durchsetzung von Einzelinteressen benutzt, indem ihr Nutzen nicht mehr als individuell sondern als gesellschaftlich oder gruppenbezogen angegeben wird. "Gewisse Politiker wollen etwas für sich und fordern es für die Partei, für die Nation, für das Vaterland; bestimmte Arbeiter wollen ihre Lebensbedingungen verbessern und fordern eien Verbesserung für die 'Proletarier', für die 'Arbeiterklasse'"[60]. In diese Klasse gehören auch die Derivationen, deren logische Überzeugungskraft aus der Formulierung des "'öffentlichen Interesses'"[61] entspringt. Diese gehe aus von einem persistenten Aggregat, dem "Terminus 'Volk'"[62], das der Bevölkerung eines bestimmten Gebietes ein gemeinsames Interesse, "einen Willen und die Macht, ihn auszudrücken"[63] unterstellt, auch bezogen auf kommende Generationen.
In diese Klasse werden die "verbalen Derivationen"[64] eingeordnet. Sie sind gekennzeichnet durch die Benutzung bestimmter Begriffe, mit deren Hilfe Gefühle wie Sympathie und Antipathie suggeriert werden sollen, die über den objektiven Inhalt einer Aussage hinausgehen.
Die Begriffe "Standhaftigkeit" und "Verstocktheit" beschreiben den gleichen Zustand, "das Verharren im eigenen Glauben"[65]. Genauso verhält es sich bei den Begriffspaaren "Mord" und "Exekution" oder "Diebstahl" und "Enteignung"[66]. Der Rhetoriker, der sie benutzt, gibt indirekt ein normatives Urteil über eine Verhaltensweise ab und ist dadurch in der Lage, ohne den Gebrauch von Argumenten zu überreden. Die Verwendung des "Terminus 'Freiheit'" in Verbindung mit irgendeiner Handlung löst im Zuhörer "einen günstigen Zustand"[67] bezogen auf deren Akzeptanz aus. Es kann sowohl für die Überzeugung von der Richtigkeit einer Befreiung aus der Unterdrückung als auch für die einer Unterdrückung anderer "für die Freiheit" benutzt werden.
Durch das Anfügen von Attributen kann der Sinn eines Begriffes über die Suggestion hinaus beeinflußt werden. Der "Terminus 'Töten'" verbat ursprünglich in den Zehn Geboten, unterstützt durch das implizite "Tabu des Blutes", das Vergießen von menschlichem Blut. Durch den Zwang, einen Widerspruch - das Töten in Kriegszeiten oder zur Verteidigung - rechtfertigen zu müssen, wurde die Erlaubnis "unter bestimmten Umständen"[68] addiert. Auch durch das "Hinzufügen gewisser Beiwörter wie z:B.: wahr, gerecht, ehrenhaft, gehoben, gut"[69] bzw. einfach oder anderer abwertender Wörter können widersprüchliche Darstellungen eines Begriffes möglich sein.
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:
[1]Mikl-Horke: Soziologie,
München, Wien, Oldenburg, 1989. S. 56.
[2]ebenda.
[3]Schoeck: Die Soziologie und
die Gesellschaften. Freiburg, München, 1964. S. 252.
[4]ebenda.
[5]ebenda.
[6]Eisermann, Gottfried:
Vilfredo Paretos System der allgemeinen Soziologie. Stuttgart, 1962. S. 81.
[7]ebenda, S. 85.
[8]ebenda.
[9]ebenda, S. 81f.
[10]ebenda, S. 82.
[11]ebenda, S. 88.
[12]ebenda.
[13]ebenda, S. 89.
[14]ebenda, S. 88.
[15]ebenda, S. 87.
[16]ebenda, S. 89.
[17]ebenda.
[18]ebenda.
[19]ebenda, S. 92.
[20]ebenda.
[21]ebenda, S. 93.
[22]ebenda.
[23]ebenda.
[24]ebenda, S. 94.
[25]ebenda.
[26]ebenda, S. 95.
[27]ebenda, S. 94
[28]ebenda.
[29]ebenda, S. 95.
[30]ebenda.
[31]ebenda, S. 97.
[32]ebenda.
[33]ebenda.
[34]ebenda, S. 98.
[35]ebenda, S.99.
[36]ebenda.
[37]ebenda.
[38]ebenda.
[39]ebenda.
[40]ebenda, S. 101.
[41]ebenda.
[42]ebenda, S. 102.
[43]ebenda.
[44]ebenda.
[45]ebenda, S. 103.
[46]ebenda.
[47]ebenda.
[48]ebenda.
[49]ebenda, S. 104.
[50]ebenda, S. 105.
[51]ebenda.
[52]ebenda.
[53]ebenda.
[54]ebenda, S.106.
[55]ebenda.
[56]ebenda, S. 107.
[57]ebenda.
[58]ebenda, S. 108.
[59]ebenda.
[60]ebenda.
[61]ebenda.
[62]ebenda, S. 109.
[63]ebenda.
[64]ebenda, S. 110.
[65]ebenda.
[66]ebenda.
[67]ebenda, S. 111.
[68]ebenda.
[69]ebenda, S. 113.