Johannes Gutenberg - Universität Mainz

Institut für Soziologie

 

"AUSGEWÄHLTE ASPEKTE DER THEORIE DER SYMBOLISCHEN INTERAKTION NACH GEORGE HERBERT MEAD"

1. EINLEITUNG   2

2. SYMBOLVERMITTELTE INTERAKTION   3

2.1. Die Dimensionen des Symbolbegriffs: Bedeutung und Wert 3

2.2. Sprache als Symbol 4

3. ROLLEN - ÜBERNAHME   5

3.1. Kultur und Sozialisation im Symbolischen Interaktionismus  5

3.2. Rollenbegriff des Symbolischen Interaktionismus: Die Attitüde  6

3.3. Die Empathie  7

3.4. Sozialisation als Perspektivenerwerb  8

3.4.1. play  8

3.4.2. game und der generalisierte Andere  9

4. DENKEN ALS SYMBOLISCHER PROZESS   9

5. KURZE ZUSAMMENFASSUNG   11

6. LITERATURVERZEICHNIS   12

 

 

1. EINLEITUNG

George Herbert Mead (1863-1931) wird als der Begründer des Symbolischen Interaktionismus angesehen. Nachdem er seine Lehrtätigkeit als Professor für Psychologie an der Universität von Michigan 1894 beendet hatte, wechselte er an die Universität von Chicago, wo er als Professor für Sozialpsycholgie und Philosophie eine Reihe von Vorlesungen abhielt. Die wohl wichtigste unter ihnen, "Comparative Psychology", befaßte sich mit "Kollektivphänomenen der Gesellschaft", so mit der Sprache, Sitten und dem Mythos und deren Einfluß auf die Identitätsbildung des Individuums[1]. Zu seinen Lebzeiten verfaßte George Herbert Mead nur wenige Aufsätze. Sein Hauptwerk "Mind, Self and Society" wurde erst nach seinem Tode veröffentlicht und besteht aus zahlreichen Vorlesungsmanuskripten, die von seinen Schülern und Kollegen zusammengetragen wurden.

Die Verbindung des Symbolischen Interaktionismus von George H. Mead mit dem Pragmatismus der nordamerikanischen Soziologen, wie z.B. John Dewey (1859-1952), und dem Behaviorismus, der von John B. Watson (1878-1858) geprägt wurde, wird einerseits an der "praktischen Orientierung menschlichen Handelns"[2], d.h. die Betrachtung des Menschen hinsichtlich der sichtbaren Handlungen, die in Interaktionen beantwortet werden, und andererseits der Übertragung des Reiz - Reaktions - Schemas deutlich. Die behavio­ristische Ansicht, "nur beobachtbares Verhalten sei empirisch und wissenschaftlich zugänglich"[3] wurde weiterentwickelt zu einer "Sicht des Sozialbehaviorismus"[4]. In der hierbei entstandenen Theorie stellt das Rollenkonzept einen roten Faden her, der es ermöglicht, anhand von Verhaltensweisen in der Interaktion von allgemein gesellschaftlichen Vorgänge auf das Individuum zu schließen.

In dieser Arbeit soll die Theorie der Symbolischen Interaktion als Handlungs-, Kultur- und Sozialisationstheorie dargestellt werden. Einer der Schwerpunkte der Meadschen Theorie, die Genese des Selbst, der Identität des Menschen und ihre Zusammensetzung aus dem "I", dem "me" und dem "self" wird hier zugunsten anderer Aspekte vernachlässigt. Zentrale These sei: Die symbolische Interaktion zwischen Individuen baut auf einer allen gemeinsamen Grundlage, der Kultur, auf. Erstere kann sich als "koordiniertes Handeln"[5] darstellen, weil bestimmte Vorstellungen von Bedeutungen und Werten, die verbunden sind mit bestimmten Symbolen, wie z.B. der Sprache oder anderer bedeutungsvoller Gesten, durch Kommunikation und Sozialisation verallgemeinert und normiert werden. Es soll anhand einer Handlungstheorie untersucht werden, wie die Verwendung von Symbolen im Menschen eine Reihe einzelner Reaktionen hervorruft, angefangen mit einem Reiz und beendet mit der sichtbaren Reaktion. Hierbei soll auf den Denkprozeß als symbolischer Prozeß eingegangen werden.

 

2. SYMBOLVERMITTELTE INTERAKTION

2.1. Die Dimensionen des Symbolbegriffs: Bedeutung und Wert

Das Symbol gehört zur allgemeinen Kategorie der Zeichen und grenzt sich ab gegenüber dem Symptom, das eine Kausalbeziehung ausdrückt, dem (Warn-) Signal und dem Chiffre, das wiederum ein Zeichen repräsentiert. Über die reine Sinneswahrnehmung hinaus, umfaßt das Symbol zwei Dimensionen: die der Bedeutung und die des Wertes. Die Bedeutung eines Symbols ist der ihm zugeordnete Inhalt, sein Wert "die erlernte Anziehung oder Abstoßung, die man seiner Bedeutung gegenüber empfindet."[6] Als Geste versteht man eine Handlung, die abgelöst von ihrer Bedeutung betrachtet wird. Sie stellt in der menschlichen Interaktion den Beginn einer Kette von Reaktionen dar.

Die Bedeutung eines Symbols wird nach Meads Auffassung durch drei Elemente und durch die zwischen diesen sich ergebenden Beziehungen konstituiert: erstens einen gegebenen Reiz, z.B. eine Geste, zweitens die  sich daraus ergebende soziale Handlung und drittens die darauf folgende Reaktion.[7] Welche Bedeutung einer Geste durch eine bestimmte Reaktion zugeschrieben wird, hängt von den interagierenden Individuen und ihren Erfahrungen in der Sozialisation ab. Grundsätzlich werden zwei Arten von Reiz - Reaktions - Beziehungen unterschieden:

(1)          beim elementaren "sozialen Verhalten" wird durch die Verwendung eines natürlichen Zeichens oder einer Geste eine instinktive Reaktion beim Gegenüber herausgefordert,

(2)          von "sozialen Handeln" wird erst dann gesprochen, wenn beide Kommunikationspartner mit dem erfolgten Reiz, der Verwendung eines Symbols, dieselbe "Idee"[8], also dieselbe Bedeutung und den gleichen Wert, verbinden.[9]

Ist letzteres der Fall spricht man von einem signifikanten Symbol. Eine signifikante Geste ruft sowohl in der Person, von der sie ausgeht, als auch im Gegenüber die gleiche Reaktionen hervor, weil sie als Symbol für beide dieselbe Bedeutung besitzt. Mit Verweis auf die Einleitung, soll hier bemerkt werden, daß in alltäglichen kooperativen Prozeßen die gleiche kulturelle Zugehörigkeit der Partner zur Entstehung signifikanter Symbole beiträgt. Nach Auffassung Meads gibt es aber auch bestimmte Gesten und Handlungen, deren Funktionen als "universal signifikante Symbole"[10] angesehen werden können. Sie werden durch die allen Mitgliedern "abstrakter gesellschaftlicher Klassen und Untergruppen, wie die Gruppe der Schuldner und die der Gläubiger"[11], gemeinsamen Vorstellungen von logischem Handeln, etwa im Bereich der Ökonomie, gebildet.

 

2.2. Sprache als Symbol

Von Beginn der Sprechfähigkeit an bildet der Mensch "Wortsymbole"[12], die für bestimmte Objekte und Bilder, images, oder Handlungen stehen. Die menschliche Sprache nimmt als die "vokale Geste"[13] eine Sonderstellung unter den Symbolen ein.

"Die vokale Geste ist also wichtiger als alle anderen Gesten. Wir können uns selbst nicht sehen, wenn unser Gesicht einen bestimmten Ausdruck annimmt. Aber wir hören uns selbst sprechen und sind daher zur Aufmerksamkeit fähig."[14]

Im Gegensatz zum Mienenspiel nimmt der Sprechende die von ihm ausgehende Geste genauso wahr wie die einer anderen Person. Somit tendiert er auch dazu, "auf seinen Reiz ebenso zu reagieren wie auf den, der von anderen ausgelöst wird"[15], allerdings nicht notwendigerweise. Die Sprache als signifikantes Symbol erzeugt im Sprechenden die gleiche Reaktion wie im Zuhörer. Mead hält es für möglich, daß ein koope­rativer Prozeß, wie das Gespräch, auch dann zu angepaßten Reaktionen führen kann, wenn die Beteiligten mit ihren Gesten verschiedene Bedeu­tungen verbinden, denn "sie bewegen sich in intelligenter Weise im Hinblick auf die anderen Menschen"[16]. Intelligenz schließt in diesem Fall auch die Fähigkeit ein, vokale Gesten mit unterschiedlichem Bedeutungs­gehalt für Wesen aus verschiedenen Kulturen in signifikante Symbole zu trans­formieren.

Auch wenn ein Wortsymbol eine nur subjektiv erfahrbare Bedeutung besitzen sollte, also nur der Benutzer eines Wortes weiß, was er genau bezeichnet, so läßt es sich trotzdem als signifikant bezeichnen. Dieses soll  im letzten Teil dieser Arbeit deutlich werden. Der Denkprozeß wird dort als innerindividueller Dialog zweier Perspektiven, die von der Rolle des Denkenden selbst und der eines Anderen repräsentiert werden, beschrieben.

 

3. ROLLEN - ÜBERNAHME

3.1. Kultur und Sozialisation im Symbolischen Interaktionismus

"Die Symbole finden sich nicht in Form unzusammenhängender Bruch­stücke, sondern oft in Bündeln, die gelegentlich groß und komplex sind."[17]

Mit diesen Bündeln sind nicht nur die einzelnen Individuen gemeint, die durch ihre Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Beziehungen, wie z.B. Gruppen, auch immer verschiedene Rollen als symbolhafte Bündel von Bedeutungen und Werten in sich vereinen. Diese Rollen sind eingebunden in einen Strukturrahmen, der vorgibt, auf welche Weise Beziehungen zwischen den Rollenträgern stattfinden.

"Man unterscheidet kleine, zeitlich begrenzte Strukturen (wie z.B. Konferenzausschüsse) und umfassende und 'dauerhafte' (wie einen Staat oder eine Gesellschaft)."[18]

Diese Vorstellung eines Komplexes "aufeinander bezogener Bedeutungen und Werte"[19] bezieht sich auch auf den sozialen Rahmen einer Kultur oder Subkultur, in der durch Sozialisation kulturelle Vorstellungen von Generation zu Generation weitergegeben werden. So entsteht für alle sozialisierten Individuen eine gemeinsame Grundlage zur Anpassung ihres Handelns. Jedoch ist Anpassung bei Mead nicht im Sinne einer konformistischen oder konservativen Erhaltung eines statischen Systems zu verstehen.

"Wenn wir die Haltung der Gemeinschaft unseren eigenen Reaktionen gegenüberstellen...dürfen wir jene andere Fähigkeit nicht vergessen, daß wir nämlich...darauf bestehen können, daß sich die Gesten der Gemeinschaft ändern...Wir stehen in einem Dialog, in dem unsere Meinung von der Gemeinschaft angehört wird; ihre Reaktion wird davon beeinflußt."[20]

Vielmehr entsteht erst durch die Integration von Symbolen, so auch von Rollen als Bedeutungsträger, in den Kontext von kulturell bedingter Erziehung symbolisch orientiertes, angepaßtes Handeln.

 

3.2. Rollenbegriff des Symbolischen Interaktionismus: Die Attitüde

Der Begriff der Rolle bei George H. Mead ist abzugrenzen gegen eine rein soziologische oder nur funktionale Rollendefinition. In der Soziologie wird jedem Inhaber einer Position in der Gesellschaft eine bestimmte Rolle zugewiesen. Diese drückt sich aus in Verhaltenserwartungen an den Rollen­träger und bestimmt seinen Status. Im Symbolischen Interaktionismus liegt die Betonung bei der Definition von Rolle auf den "Haltungen und Einstellungen eines Individuums, die im Zusammenhang stehen mit bestimmten Erwartungen"[21]. Diese Attitüde, so die Bezeichnung für die Rolle eines Interaktionspartners in der Theorie, wird "durch sprachliche und andere Gesten empirisch faßbar"[22] und stellt sich dar als eine "sozial sinnvoll Einheit von Verhaltensmustern"[23] einer Person.

 

3.3. Die Empathie

Mit dem für die Theorie der symbolischen Interaktion zentralen Begriff der Rollen - Übernahme oder Empathie ist derjenige symbolische Prozeß bezeichnet, der es den Interaktionspartnern in einer Situation ermöglicht, die Attitüde des jeweils Anderen einzuschätzen und sein Handeln an dieser zu orientieren. In Übereinstimung mit der allgemeinen soziologischen Definition des Rollenbegriffs sieht die Theorie der symbolischen Interaktion den Einzelnen eingebunden in ein Gefüge von Rollen und Positionen. In der Rollen - Übernahme ist es allerdings nicht möglich, die soziale Posi­tion einer Person einzunehmen. Lediglich die Darstellung der äußeren Erscheinung und der Verhaltensweisen des Rollenträgers ist es, die in einer Situation wahrgenommen werden kann. Daher richtet sich auch die Reaktion in Form eines Sichhineinversetzen in den Anderen nur darauf aus, eine Rolle darzustellen, nicht zu besetzen.[24]  

"Wichtigste Voraussetzung für 'role - taking' ist nach G.H. Mead, daß ein System von Symbolen zur Verfügung steht, über deren Bedeutung sich die Interaktionspartner hinreichend einig sind. Bei diesen Symbolen kann es sich um signifikante Gesten handeln, die Intentionen und Erwartungen ausdrücken."[25]

Aufgrund der verwendeten und wahrgenommenen Gesten, im beson­dern der Sprache, entwickelt jeder Interaktionspartner für sich eine Vor­stellung von der Perspektive des Anderen. In der Antizipation verknüpft er erlernte Vorstellungen von den Bedeutungen der benutzten Symbole mit der tatsächlich erfahrbaren Attitüde des Anderen. Dadurch wird es ihm in einem bestimmten Kontext möglich, angemessen zu reagieren und seine "Handlungen...im kooperativen Prozeß"[26] zu kontrollieren. Indem das Individuum sich in die Rolle des Anderen versetzt und dessen Attitüde einge­nommen hat,  befindet es sich in der Lage

"...seine eigene Rolle selbstkritisch zu bestimmen..., sich sowohl von außen zu betrachten, ein Bild von sich selbst zu gewinnen, so wie es der Andere von ihm hat, als auch die Erwartungen der Anderen zu erkennen, die in einer bestimmten Situation an ihn herangetragen werden."[27]

Die Übernahme einer Rolle des signifikanten Anderen ist es, die nach Ansicht des Symbolischen Interaktionismus das selbstbestimmte Individuum im Interaktionsprozeß ausmacht. Der Mensch wächst auf und steht in Wechselwirkung nicht nur in einer "besonderen natürlichen Umwelt", sondern auch in einer "besonderen kultu­rellen und gesellschaftlichen Ordnung, welche ihm durch signifikante Andere vermittelt wird."[28] Dieser Vermittlungsprozeßes beinhaltet die Verknüpfung von Symbolen mit Bedeutungen und speziell die Entstehung von gleichen Bedeutungen eines Symbols für eine begrenzte Anzahl bestimmter Personen, signifikant others. Diese verleihen Gesten und speziellen Handlungen eine Bedeutung, die über eine instinktive Reaktion auf eine Geste, z.B. einen vokalen Ausruf oder eine Drohgebärde, hinausgeht. 

 

3.4. Sozialisation als Perspektivenerwerb

Anhand der Meadschen Theorie werden zwei Konzepte der Rollen - Übernahme in früher Kindheit dargestellt: erstens die Nach­ahmung einer Perspektive im Spielen, "play", und zweitens die Rollen - Über­nahme als Erwerb der Perspektive des "generalisierten Anderen" im Spiel, "game".

 

3.4.1. play

Beim Spielen ahmen Kinder die Attitüde bekannter Personen aus ihrem direkten Umfeld nach. Zu diesen gehört sowohl die eigene Mutter als auch der Briefträger oder der Verkäufer. Im Spielen eignen sich die Kinder die Eigen­schaften und Verhaltensweisen dieser Personen an und gewinnen so ein Bild ihrer eigenen Identität.

"Durch ständig wiederholte Übernahme solcher Perspektiven entsteht im Kind eine Orientierung sich selbst gegenüber." [29]

Die Kinder lernen so, ihre Position im gesellschaftlichen Rollengefüge und die damit verbundenen Erwartungen in bestimmten Situationen einzuschätzen. Hierzu dient ihnen die soziale Praxis, die ihnen von vorherigen Generationen "vorgespielt" wird, als Vorlage.

 

3.4.2. game und der generalisierte Andere

Beim Spiel, z.B. in der Form eines wettkampfmäßig organisierten Fußballspiels, lernt der Einzelne sich aus der Sicht aller Beteiligten zu sehen. Hierfür konstruiert er die Perspektive des "generalisierten Anderen"[30]. Regeln legen fest, wie jeder Träger einer an sich unpersönlichen Rolle im Spiel, sei es als Torwart oder als Rechtsaußen, sich in bestimmten Situationen zu verhalten hat. Um diese Erwartungen erfüllen zu können, ist der Einzelne gezwun­gen, sich aus der Perspektive möglichst aller anderen teilnehmenden Rollen­träger zu betrachten. Hierzu orientiert er sich an der durch die Regeln und durch eventuelle andere Vorgaben, wie die Notwendigkeit Tore zu schießen oder eine eher defensive Spieltaktik, standadisierten Attitüde der ganzen Gruppe, in der er sich befindet, nicht an den Haltungen der einzelnen Mitspieler. Diese Rolle einer ganzen Gemeinschaft als Bezugsgruppe bezeichnet Mead als die des "generalisierten Anderen", generalized other.

"Die organisierte Gemeinschaft oder gesellschaftliche Gruppe, die dem Einzelnen seine einheitliche Identität gibt, kann 'der (das) verallgemeinerte Andere' genannt werden. Die Haltung dieses verallgemeinerten Anderen ist die der ganzen Gemeinschaft."[31]

 

4. DENKEN ALS SYMBOLISCHER PROZESS

Anhand des Denkprozeßes sollen hier noch einmal die als wesentliche Aspekte des Symbolischen Interaktionismus vorgestellten Begriffe der Bedeutung und der Rollen - Übernahme revidiert werden. In der Theorie der symbolischen Interaktion wird der Denkprozeß verstanden als

"...die Prüfung möglicher symbolischer Lösungen und anderer Handlungsabläufe auf ihre relativen Vor- und Nachteile entsprechend den Werten des Einzelnen und die Entscheidung für eine dieser Möglichkeiten."[32]

Somit ist das Denken "ein ganz und gar symbolischer Prozeß"[33], bildet jedoch einen Sonderfall. In der Theorie der symbolischen Interaktion wird der  Denk­prozeß als Selbst - Gespräch, als innerindividueller Dialog zwischen "I" und "Me" angesehen.[34] Um es kurz zu sagen, bezeichnet "I" den Teil der Identität, der Eigenschaften wie Kreativität, Spontaneität und das triebhafte Handeln einschließt, während "Me" das Bild reflektiert, das der Einzelne sich aus der Perspektive Anderer von sich selbst macht. Der Zu - sich - selbst - Sprechende schließt durch die Übernahme einer Perspektive von außen, "der Haltung des verallgemeinerten Anderen, ohne Bezug auf dessen Ausdruck in einem anderen Inividuum"[35] immer schon die Reaktion der Anderen mit ein und reagiert wiederum auf diese Reaktion. So kann er frei­willig oder unter dem Druck eines als sanktionierend vermittelten Bildes des "verallgemeinerten Anderen" und einer dadurch bedingten "Kontrolle" im Sinne einer ganzen Gruppe handeln, so z.B. einer funktionalen Gruppe wie einer Partei, eines Clubs oder einer anderen Körperschaft.[36]

Bei dem inneren Dialog der Entscheidungsfindung übernimmt der Denkende seine eigene Rolle und überdenkt die ihm zur Verfügung stehenden Handlungs­alternativen. Hierbei besitzen die relevanten Möglichkeiten einen symbolischen Charakter. Sie repräsentieren und besitzen jeweils eine Bedeutung und einen Wert, der sich darin äußert, daß der Einzelne sich nach Abwägung der Folgen einer möglichen Alternativen für eine der Möglichkeiten entscheidet. Die Entscheidung und die darauf folgende Hand­lung erfolgt als Reaktion auf einen in der Zukunft erwarteten Reiz.

Im Rahmen des Denkvorganges findet eine Vermischung der Zeitdi­mensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft statt. Der Denkende versetzt "die erwartete Zukunft in die Gegenwart"[37] und kann so eventuell für ihn sich nachteilig auswirkenden Konsequenzen in der Zukunft aus dem Weg gehen. Aspekte der Vergangenheit spielen insofern eine Rolle, daß bereits einmal vom Denkenden selbst als auch von Anderen gemachte Erfahrungen die Antizipation einer Situation beeinflußen. So führt eine falsche Ent­scheidung, die sich nachteilig für den Betroffenen oder für Andere, die direkt oder indirekt an seiner Sozialisation beteiligt waren, ausgewirkt hat, zu einem sofortigen Lernprozeß. Die menschliche Fähigkeit zum bewußten Denken stellt also einen Ersatz für das Versuch - Irrtum - Verhalten der Tiere dar, welches so oft wiederholt wird, bis der gewünschte Effekt eingetreten ist. Vorteilhaft ist diese Fähigkeit für den Menschen aus drei Gründen: erstens spart er die Zeit, die er für das tatsächliche Durchführen der Versuche  benö­tigen würde, zweitens hat er die freie Wahl zwischen den ihm bekannten Alternativen und drittens ist es sowohl für ihn als auch seine Mitmenschen ungefährlicher, ein Experiment "im Kopf" durchzuführen als in der Außenwelt.[38]

 

5. KURZE ZUSAMMENFASSUNG

Die hier vorgestellte Theorie der symbolischen Interaktion kann durch folgende zentrale Thesen abschließend zusammengefaßt werden:

(1)          Als signifikante Symbole werden diejenigen Gesten angesehen, die im Rahmen einer Kultur und damit für mehrere Interaktionspartner dieselbe Bedeutung erlangen.

(2)          Kultur wird definiert als ein Gefüge von Rollen. Diese sind eingebunden in eine Struktur, die den sozialen Rahmen zur Ausübung der Attitüden vorgibt, d.h. der erfahrbaren und mit den Rollen verbundenen Verhaltensweisen und Äußerungen von Einstellungen.

(3)          Die Rollen - Übernahme wird als das zentrale Merkmal der symbolischen Interaktion als auf den Interaktionspartner angepaßtes soziales Handeln angesehen. Hierbei wird entweder die Perspektive des signifikanten oder des generalisierten Anderen eingenommen und damit verbundene Attitüden übernommen.

(4)          Denken gilt als symbolischer Prozeß, weil die relevanten Handlungs­möglichkeiten die Symbolfunktion übernehmen und vom Denkenden die eige­ne Rolle, eventuell im Sinne der Perspektive des verallgemeinerten Anderen einer Bezugsgruppe, eingenommen wird. Es findet eine Vermischung der Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft statt, bei der erwartete Folgen einer Handlungsmöglichkeit in die Gegenwart versetzt und mit Erfahrungen in der Vergangenheit verknüpft werden. Die Entscheidung erfolgt als Reaktion auf einen in der Zukunft erwarteten Reiz.

 

6. LITERATURVERZEICHNIS

Berger, Peter L. und Thomas Luckmann:

Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main 1993.

 

Coburn-Staege, Ursula:

Der Rollenbegriff. Ein Versuch der Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft. Heidelberg 1973.

 

Crott, Helmut:

Soziale Interaktion und Gruppenprozesse. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1979.

 

Endruweit, Günter und Gisela Trommsdorf (Hrsg.):

Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart 1989.

 

Helle, Horst J.:

Verstehende Soziologie und Theorie der symbolischen Interaktion. Stuttgart 1977.

 

Krappmann, Lothar:

Soziologische Dimensionen der Identität. Strukturelle Bedingungen für die Teilnahme an Interaktionsprozessen. 5. Aufl., Stutgart 1978.

 

Mead, George H.:

Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. 8. Aufl., Frankfurt am Main 1991.

 

ders.:

Sozialpsychologie. Neuwied, Berlin 1969.

 

Miebach, Bernhard:

Soziologische Handlungstheorie. Eine Einführung. Opladen 1991.

 

Rose, Arnold M.:

Systematische Zusammenfassung der Theorie der symbolischen Interaktion. In: Hartmann, Heinz (Hrsg.): Moderne amerikanische Soziologie. Neuere Beiträge zur soziologischen Theorie. Stuttgart 1973, S. 264-282.

 

Steinert, Heinz:

Das Handlungsmodell des symbolischen Interaktionsmus. In: Lenk, Hans (Hrsg.): Handlungstheorien interdisziplinär. Bd. 4, München 1977, S. 79-100.

 

Treibel, Annette:

Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1993.



[1]Helle, Horst J.: Verstehende Soziologie und Theorie der symbolischen Interaktion. Stuttgart 1977,   S. 71.

[2]Treibel, Annette: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1993, S. 111.

[3]ebd., S. 90.

[4]So der von Charles W. Morris stammende Untertitel zu: Mead, George H.: Geist, Identität und Gesellschaft.

[5]Endruweit, Günter und Gisela Trommsdorf (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie. Stuutgart 1989, Stichwort: "Interaktion", S. 310.

[6]Rose, Arnold M.: Systematische Zusammenfassung des symbolischen Interaktionismus. In: Hartmann, Heinz (Hrsg.): Moderne amerikanische Soziologie. Neuere Beiträge zur soziologischen Theorie. 2. Aufl., Stuttgart 1973, S. 268.

[7]vgl. Mead, George H.: Sozialpsychologie. Neuwied, Berlin 1969, S. 219.

[8]Mead, George, H.: Geist, Identität und Gesellschaft. 8. Aufl., Frankfurt am Main 1991, S. 85.

[9]Miebach, Bernhard: Soziologische Handlungstheorie. Eine Einführung. Opladen 1991, S. 56.

[10]Mead: Geist, Identität und Gesellschaft. S. 200.

[11]ebd., S. 199.

[12]Helle: Verstehende Soziologie. S. 83.

[13]Mead: Geist, Identität und Gesellschaft. S. 105.

[14]ebd., S. 105.

[15]ebd., S. 104.

[16]ebd., S. 94.

[17]Rose: Systematische Zusammenfassung. S. 272.

[18]ebd.

[19]ebd.

[20]Mead: Geist, Identität und Gesellschaft. S. 211.

[21]Coburn-Staege, Ursula: Der Rollenbegriff. Ein Versuch der Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft. Heidelberg 1973, S. 20.

[22]Helle: Verstehende Soziologie. S. 76.

[23]Coburn-Staege: Rollenbegriff. S. 20.

[24]vgl. ebd.

[25]Krappmann, Lothar: Soziologische Dimensionen der Identität. Strukturelle Bedingungen für die Teilnahme an Interaktionsprozeßen. 5. Aufl., Stuttgart 1978, S. 39.

[26]Mead: Geist, Identität und Gesellschaft, S. 301.

[27]Coburn-Staege: Rollenbegriff. S. 21.

[28]Berger, Peter L. und Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main 1993, S. 51.

[29]Helle: Verstehende Soziologie. S. 85.

[30]ebd., S. 86.

[31]Mead: Geist, Identität und Gesellschaft. S. 196.

[32]Rose: Systematische Zusammenfassung. S. 273.

[33]ebd.

[34]vgl. ebd.

[35]Mead: Geist, Identität und Gesellschaft. S. 198.

[36]ebd., S. 199.

[37]ebd., S. 274.

[38]vgl. Rose: Systematische Zusammenfassung. S. 274.