Johannes
Gutenberg - Universität Mainz
Institut
für Soziologie
"AUSGEWÄHLTE
ASPEKTE DER THEORIE DER SYMBOLISCHEN INTERAKTION NACH GEORGE HERBERT MEAD"
2.
SYMBOLVERMITTELTE INTERAKTION
2.1.
Die Dimensionen des Symbolbegriffs: Bedeutung und Wert
3.1.
Kultur und Sozialisation im Symbolischen Interaktionismus
3.2.
Rollenbegriff des Symbolischen Interaktionismus: Die Attitüde
3.4.
Sozialisation als Perspektivenerwerb
3.4.2.
game und der generalisierte Andere
4.
DENKEN ALS SYMBOLISCHER PROZESS
George Herbert
Mead (1863-1931) wird als der Begründer des Symbolischen Interaktionismus
angesehen. Nachdem er seine Lehrtätigkeit als Professor für Psychologie an der
Universität von Michigan 1894 beendet hatte, wechselte er an die Universität
von Chicago, wo er als Professor für Sozialpsycholgie und Philosophie eine
Reihe von Vorlesungen abhielt. Die wohl wichtigste unter ihnen, "Comparative Psychology",
befaßte sich mit "Kollektivphänomenen
der Gesellschaft", so mit der Sprache, Sitten und dem Mythos und deren
Einfluß auf die Identitätsbildung des Individuums[1]. Zu seinen Lebzeiten
verfaßte George Herbert Mead nur wenige Aufsätze. Sein Hauptwerk "Mind, Self and Society" wurde
erst nach seinem Tode veröffentlicht und besteht aus zahlreichen
Vorlesungsmanuskripten, die von seinen Schülern und Kollegen zusammengetragen
wurden.
Die Verbindung
des Symbolischen Interaktionismus von George H. Mead mit dem Pragmatismus der
nordamerikanischen Soziologen, wie z.B. John Dewey (1859-1952), und dem
Behaviorismus, der von John B. Watson (1878-1858) geprägt wurde, wird
einerseits an der "praktischen
Orientierung menschlichen Handelns"[2], d.h. die Betrachtung des
Menschen hinsichtlich der sichtbaren Handlungen, die in Interaktionen
beantwortet werden, und andererseits der Übertragung des Reiz - Reaktions -
Schemas deutlich. Die behavioristische Ansicht, "nur beobachtbares Verhalten sei empirisch und wissenschaftlich
zugänglich"[3] wurde weiterentwickelt zu
einer "Sicht des
Sozialbehaviorismus"[4]. In der hierbei
entstandenen Theorie stellt das Rollenkonzept einen roten Faden her, der es
ermöglicht, anhand von Verhaltensweisen in der Interaktion von allgemein
gesellschaftlichen Vorgänge auf das Individuum zu schließen.
In dieser Arbeit soll die
Theorie der Symbolischen Interaktion als Handlungs-, Kultur- und
Sozialisationstheorie dargestellt werden. Einer der Schwerpunkte der Meadschen
Theorie, die Genese des Selbst, der Identität des Menschen und ihre
Zusammensetzung aus dem "I", dem "me" und dem
"self" wird hier zugunsten anderer Aspekte vernachlässigt. Zentrale
These sei: Die symbolische Interaktion zwischen Individuen baut auf einer allen
gemeinsamen Grundlage, der Kultur, auf. Erstere kann sich als "koordiniertes Handeln"[5] darstellen, weil bestimmte
Vorstellungen von Bedeutungen und Werten, die verbunden sind mit bestimmten
Symbolen, wie z.B. der Sprache oder anderer bedeutungsvoller Gesten, durch
Kommunikation und Sozialisation verallgemeinert und normiert werden. Es soll
anhand einer Handlungstheorie untersucht werden, wie die Verwendung von
Symbolen im Menschen eine Reihe einzelner Reaktionen hervorruft, angefangen mit
einem Reiz und beendet mit der sichtbaren Reaktion. Hierbei soll auf den
Denkprozeß als symbolischer Prozeß eingegangen werden.
Das Symbol
gehört zur allgemeinen Kategorie der Zeichen und grenzt sich ab gegenüber dem
Symptom, das eine Kausalbeziehung ausdrückt, dem (Warn-) Signal und dem
Chiffre, das wiederum ein Zeichen repräsentiert. Über die reine
Sinneswahrnehmung hinaus, umfaßt das Symbol zwei Dimensionen: die der Bedeutung
und die des Wertes. Die Bedeutung eines Symbols ist der ihm zugeordnete Inhalt,
sein Wert "die erlernte Anziehung
oder Abstoßung, die man seiner Bedeutung gegenüber empfindet."[6] Als Geste versteht man eine
Handlung, die abgelöst von ihrer Bedeutung betrachtet wird. Sie stellt in der
menschlichen Interaktion den Beginn einer Kette von Reaktionen dar.
Die Bedeutung
eines Symbols wird nach Meads Auffassung durch drei Elemente und durch die
zwischen diesen sich ergebenden Beziehungen konstituiert: erstens einen
gegebenen Reiz, z.B. eine Geste, zweitens die
sich daraus ergebende soziale Handlung und drittens die darauf folgende
Reaktion.[7] Welche Bedeutung einer
Geste durch eine bestimmte Reaktion zugeschrieben wird, hängt von den
interagierenden Individuen und ihren Erfahrungen in der Sozialisation ab.
Grundsätzlich werden zwei Arten von Reiz - Reaktions - Beziehungen
unterschieden:
(1)
beim
elementaren "sozialen
Verhalten" wird durch die Verwendung eines natürlichen Zeichens oder
einer Geste eine instinktive Reaktion beim Gegenüber herausgefordert,
(2)
von
"sozialen Handeln" wird
erst dann gesprochen, wenn beide Kommunikationspartner mit dem erfolgten Reiz,
der Verwendung eines Symbols, dieselbe "Idee"[8], also dieselbe Bedeutung
und den gleichen Wert, verbinden.[9]
Ist letzteres
der Fall spricht man von einem signifikanten Symbol. Eine signifikante Geste
ruft sowohl in der Person, von der sie ausgeht, als auch im Gegenüber die
gleiche Reaktionen hervor, weil sie als Symbol für beide dieselbe Bedeutung
besitzt. Mit Verweis auf die Einleitung, soll hier bemerkt werden, daß in
alltäglichen kooperativen Prozeßen die gleiche kulturelle Zugehörigkeit der
Partner zur Entstehung signifikanter Symbole beiträgt. Nach Auffassung Meads
gibt es aber auch bestimmte Gesten und Handlungen, deren Funktionen als "universal signifikante Symbole"[10] angesehen werden können. Sie
werden durch die allen Mitgliedern "abstrakter
gesellschaftlicher Klassen und Untergruppen, wie die Gruppe der Schuldner und
die der Gläubiger"[11], gemeinsamen Vorstellungen
von logischem Handeln, etwa im Bereich der Ökonomie, gebildet.
Von
Beginn der Sprechfähigkeit an bildet der Mensch "Wortsymbole"[12], die für bestimmte Objekte
und Bilder, images, oder Handlungen
stehen. Die menschliche Sprache nimmt als die "vokale Geste"[13] eine Sonderstellung unter
den Symbolen ein.
"Die vokale Geste ist
also wichtiger als alle anderen Gesten. Wir können uns selbst nicht sehen, wenn
unser Gesicht einen bestimmten Ausdruck annimmt. Aber wir hören uns selbst
sprechen und sind daher zur Aufmerksamkeit fähig."[14]
Im Gegensatz zum
Mienenspiel nimmt der Sprechende die von ihm ausgehende Geste genauso wahr wie
die einer anderen Person. Somit tendiert er auch dazu, "auf seinen Reiz ebenso zu reagieren wie auf den, der von anderen
ausgelöst wird"[15], allerdings nicht
notwendigerweise. Die Sprache als signifikantes Symbol erzeugt im Sprechenden
die gleiche Reaktion wie im Zuhörer. Mead hält es für möglich, daß ein kooperativer
Prozeß, wie das Gespräch, auch dann zu angepaßten Reaktionen führen kann, wenn
die Beteiligten mit ihren Gesten verschiedene Bedeutungen verbinden, denn "sie bewegen sich in intelligenter
Weise im Hinblick auf die anderen Menschen"[16]. Intelligenz schließt in
diesem Fall auch die Fähigkeit ein, vokale Gesten mit unterschiedlichem
Bedeutungsgehalt für Wesen aus verschiedenen Kulturen in signifikante Symbole
zu transformieren.
Auch wenn ein
Wortsymbol eine nur subjektiv erfahrbare Bedeutung besitzen sollte, also nur
der Benutzer eines Wortes weiß, was er genau bezeichnet, so läßt es sich
trotzdem als signifikant bezeichnen. Dieses soll im letzten Teil dieser Arbeit deutlich werden. Der Denkprozeß
wird dort als innerindividueller Dialog zweier Perspektiven, die von der Rolle
des Denkenden selbst und der eines Anderen repräsentiert werden, beschrieben.
"Die Symbole finden
sich nicht in Form unzusammenhängender Bruchstücke, sondern oft in Bündeln,
die gelegentlich groß und komplex sind."[17]
Mit diesen
Bündeln sind nicht nur die einzelnen Individuen gemeint, die durch ihre
Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Beziehungen, wie z.B. Gruppen, auch
immer verschiedene Rollen als symbolhafte Bündel von Bedeutungen und Werten in
sich vereinen. Diese Rollen sind eingebunden in einen Strukturrahmen, der
vorgibt, auf welche Weise Beziehungen zwischen den Rollenträgern stattfinden.
"Man unterscheidet
kleine, zeitlich begrenzte Strukturen (wie z.B. Konferenzausschüsse) und
umfassende und 'dauerhafte' (wie einen Staat oder eine Gesellschaft)."[18]
Diese
Vorstellung eines Komplexes "aufeinander
bezogener Bedeutungen und Werte"[19] bezieht sich auch auf den
sozialen Rahmen einer Kultur oder Subkultur, in der durch Sozialisation
kulturelle Vorstellungen von Generation zu Generation weitergegeben werden. So
entsteht für alle sozialisierten Individuen eine gemeinsame Grundlage zur
Anpassung ihres Handelns. Jedoch ist Anpassung bei Mead nicht im Sinne einer
konformistischen oder konservativen Erhaltung eines statischen Systems zu
verstehen.
"Wenn wir die Haltung
der Gemeinschaft unseren eigenen Reaktionen gegenüberstellen...dürfen wir jene
andere Fähigkeit nicht vergessen, daß wir nämlich...darauf bestehen können, daß
sich die Gesten der Gemeinschaft ändern...Wir stehen in einem Dialog, in dem
unsere Meinung von der Gemeinschaft angehört wird; ihre Reaktion wird davon
beeinflußt."[20]
Vielmehr
entsteht erst durch die Integration von Symbolen, so auch von Rollen als
Bedeutungsträger, in den Kontext von kulturell bedingter Erziehung symbolisch
orientiertes, angepaßtes Handeln.
Der Begriff der
Rolle bei George H. Mead ist abzugrenzen gegen eine rein soziologische oder nur
funktionale Rollendefinition. In der Soziologie wird jedem Inhaber einer
Position in der Gesellschaft eine bestimmte Rolle zugewiesen. Diese drückt sich
aus in Verhaltenserwartungen an den Rollenträger und bestimmt seinen Status.
Im Symbolischen Interaktionismus liegt die Betonung bei der Definition von
Rolle auf den "Haltungen und
Einstellungen eines Individuums, die im Zusammenhang stehen mit bestimmten
Erwartungen"[21]. Diese Attitüde, so die
Bezeichnung für die Rolle eines Interaktionspartners in der Theorie, wird "durch sprachliche und andere Gesten
empirisch faßbar"[22] und stellt sich dar als
eine "sozial sinnvoll Einheit von
Verhaltensmustern"[23] einer Person.
Mit dem für die
Theorie der symbolischen Interaktion zentralen Begriff der Rollen - Übernahme
oder Empathie ist derjenige symbolische Prozeß bezeichnet, der es den
Interaktionspartnern in einer Situation ermöglicht, die Attitüde des jeweils
Anderen einzuschätzen und sein Handeln an dieser zu orientieren. In
Übereinstimung mit der allgemeinen soziologischen Definition des Rollenbegriffs
sieht die Theorie der symbolischen Interaktion den Einzelnen eingebunden in ein
Gefüge von Rollen und Positionen. In der Rollen - Übernahme ist es allerdings
nicht möglich, die soziale Position einer Person einzunehmen. Lediglich die
Darstellung der äußeren Erscheinung und der Verhaltensweisen des Rollenträgers
ist es, die in einer Situation wahrgenommen werden kann. Daher richtet sich
auch die Reaktion in Form eines Sichhineinversetzen in den Anderen nur darauf
aus, eine Rolle darzustellen, nicht zu besetzen.[24]
"Wichtigste
Voraussetzung für 'role - taking' ist nach G.H. Mead, daß ein System von
Symbolen zur Verfügung steht, über deren Bedeutung sich die Interaktionspartner
hinreichend einig sind. Bei diesen Symbolen kann es sich um signifikante Gesten
handeln, die Intentionen und Erwartungen ausdrücken."[25]
Aufgrund der
verwendeten und wahrgenommenen Gesten, im besondern der Sprache, entwickelt
jeder Interaktionspartner für sich eine Vorstellung von der Perspektive des
Anderen. In der Antizipation verknüpft er erlernte Vorstellungen von den
Bedeutungen der benutzten Symbole mit der tatsächlich erfahrbaren Attitüde des
Anderen. Dadurch wird es ihm in einem bestimmten Kontext möglich, angemessen zu
reagieren und seine "Handlungen...im
kooperativen Prozeß"[26] zu kontrollieren. Indem das
Individuum sich in die Rolle des Anderen versetzt und dessen Attitüde eingenommen
hat, befindet es sich in der Lage
"...seine eigene Rolle
selbstkritisch zu bestimmen..., sich sowohl von außen zu betrachten, ein Bild
von sich selbst zu gewinnen, so wie es der Andere von ihm hat, als auch die
Erwartungen der Anderen zu erkennen, die in einer bestimmten Situation an ihn
herangetragen werden."[27]
Die Übernahme
einer Rolle des signifikanten Anderen ist es, die nach Ansicht des Symbolischen
Interaktionismus das selbstbestimmte Individuum im Interaktionsprozeß ausmacht.
Der Mensch wächst auf und steht in Wechselwirkung nicht nur in einer "besonderen natürlichen Umwelt",
sondern auch in einer "besonderen
kulturellen und gesellschaftlichen Ordnung, welche ihm durch signifikante
Andere vermittelt wird."[28] Dieser Vermittlungsprozeßes
beinhaltet die Verknüpfung von Symbolen mit Bedeutungen und speziell die
Entstehung von gleichen Bedeutungen eines Symbols für eine begrenzte Anzahl
bestimmter Personen, signifikant others.
Diese verleihen Gesten und speziellen Handlungen eine Bedeutung, die über eine
instinktive Reaktion auf eine Geste, z.B. einen vokalen Ausruf oder eine
Drohgebärde, hinausgeht.
Anhand der
Meadschen Theorie werden zwei Konzepte der Rollen - Übernahme in früher
Kindheit dargestellt: erstens die Nachahmung einer Perspektive im Spielen,
"play", und zweitens die Rollen - Übernahme als Erwerb der
Perspektive des "generalisierten Anderen" im Spiel, "game".
Beim
Spielen ahmen Kinder die Attitüde bekannter Personen aus ihrem direkten Umfeld
nach. Zu diesen gehört sowohl die eigene Mutter als auch der Briefträger oder
der Verkäufer. Im Spielen eignen sich die Kinder die Eigenschaften und
Verhaltensweisen dieser Personen an und gewinnen so ein Bild ihrer eigenen
Identität.
"Durch ständig
wiederholte Übernahme solcher Perspektiven entsteht im Kind eine Orientierung
sich selbst gegenüber." [29]
Die Kinder
lernen so, ihre Position im gesellschaftlichen Rollengefüge und die damit
verbundenen Erwartungen in bestimmten Situationen einzuschätzen. Hierzu dient
ihnen die soziale Praxis, die ihnen von vorherigen Generationen
"vorgespielt" wird, als Vorlage.
Beim Spiel, z.B.
in der Form eines wettkampfmäßig organisierten Fußballspiels, lernt der
Einzelne sich aus der Sicht aller Beteiligten zu sehen. Hierfür konstruiert er
die Perspektive des "generalisierten
Anderen"[30]. Regeln legen fest, wie
jeder Träger einer an sich unpersönlichen Rolle im Spiel, sei es als Torwart
oder als Rechtsaußen, sich in bestimmten Situationen zu verhalten hat. Um diese
Erwartungen erfüllen zu können, ist der Einzelne gezwungen, sich aus der
Perspektive möglichst aller anderen teilnehmenden Rollenträger zu betrachten.
Hierzu orientiert er sich an der durch die Regeln und durch eventuelle andere
Vorgaben, wie die Notwendigkeit Tore zu schießen oder eine eher defensive
Spieltaktik, standadisierten Attitüde der ganzen Gruppe, in der er sich
befindet, nicht an den Haltungen der einzelnen Mitspieler. Diese Rolle einer
ganzen Gemeinschaft als Bezugsgruppe bezeichnet Mead als die des
"generalisierten Anderen", generalized
other.
"Die organisierte
Gemeinschaft oder gesellschaftliche Gruppe, die dem Einzelnen seine
einheitliche Identität gibt, kann 'der (das) verallgemeinerte Andere' genannt
werden. Die Haltung dieses verallgemeinerten Anderen ist die der ganzen
Gemeinschaft."[31]
Anhand des
Denkprozeßes sollen hier noch einmal die als wesentliche Aspekte des Symbolischen
Interaktionismus vorgestellten Begriffe der Bedeutung und der Rollen -
Übernahme revidiert werden. In der Theorie der symbolischen Interaktion wird
der Denkprozeß verstanden als
"...die Prüfung
möglicher symbolischer Lösungen und anderer Handlungsabläufe auf ihre relativen
Vor- und Nachteile entsprechend den Werten des Einzelnen und die Entscheidung
für eine dieser Möglichkeiten."[32]
Somit ist das
Denken "ein ganz und gar
symbolischer Prozeß"[33], bildet jedoch einen
Sonderfall. In der Theorie der symbolischen Interaktion wird der Denkprozeß als Selbst - Gespräch, als
innerindividueller Dialog zwischen "I" und "Me" angesehen.[34] Um es kurz zu sagen,
bezeichnet "I" den Teil der Identität, der Eigenschaften wie
Kreativität, Spontaneität und das triebhafte Handeln einschließt, während
"Me" das Bild reflektiert, das der Einzelne sich aus der Perspektive
Anderer von sich selbst macht. Der Zu - sich - selbst - Sprechende schließt
durch die Übernahme einer Perspektive von außen, "der Haltung des verallgemeinerten Anderen, ohne Bezug auf dessen
Ausdruck in einem anderen Inividuum"[35] immer schon die Reaktion
der Anderen mit ein und reagiert wiederum auf diese Reaktion. So kann er freiwillig
oder unter dem Druck eines als sanktionierend vermittelten Bildes des "verallgemeinerten
Anderen" und einer dadurch bedingten "Kontrolle" im Sinne einer
ganzen Gruppe handeln, so z.B. einer funktionalen Gruppe wie einer Partei,
eines Clubs oder einer anderen Körperschaft.[36]
Bei dem inneren
Dialog der Entscheidungsfindung übernimmt der Denkende seine eigene Rolle und
überdenkt die ihm zur Verfügung stehenden Handlungsalternativen. Hierbei
besitzen die relevanten Möglichkeiten einen symbolischen Charakter. Sie
repräsentieren und besitzen jeweils eine Bedeutung und einen Wert, der sich
darin äußert, daß der Einzelne sich nach Abwägung der Folgen einer möglichen
Alternativen für eine der Möglichkeiten entscheidet. Die Entscheidung und die
darauf folgende Handlung erfolgt als Reaktion auf einen in der Zukunft
erwarteten Reiz.
Im Rahmen des
Denkvorganges findet eine Vermischung der Zeitdimensionen Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft statt. Der Denkende versetzt "die erwartete Zukunft in die Gegenwart"[37] und kann so eventuell für
ihn sich nachteilig auswirkenden Konsequenzen in der Zukunft aus dem Weg gehen.
Aspekte der Vergangenheit spielen insofern eine Rolle, daß bereits einmal vom
Denkenden selbst als auch von Anderen gemachte Erfahrungen die Antizipation
einer Situation beeinflußen. So führt eine falsche Entscheidung, die sich nachteilig
für den Betroffenen oder für Andere, die direkt oder indirekt an seiner
Sozialisation beteiligt waren, ausgewirkt hat, zu einem sofortigen Lernprozeß.
Die menschliche Fähigkeit zum bewußten Denken stellt also einen Ersatz für das
Versuch - Irrtum - Verhalten der Tiere dar, welches so oft wiederholt wird, bis
der gewünschte Effekt eingetreten ist. Vorteilhaft ist diese Fähigkeit für den
Menschen aus drei Gründen: erstens spart er die Zeit, die er für das
tatsächliche Durchführen der Versuche
benötigen würde, zweitens hat er die freie Wahl zwischen den ihm
bekannten Alternativen und drittens ist es sowohl für ihn als auch seine
Mitmenschen ungefährlicher, ein Experiment "im Kopf" durchzuführen
als in der Außenwelt.[38]
Die hier
vorgestellte Theorie der symbolischen Interaktion kann durch folgende zentrale
Thesen abschließend zusammengefaßt werden:
(1)
Als
signifikante Symbole werden diejenigen Gesten angesehen, die im Rahmen einer
Kultur und damit für mehrere Interaktionspartner dieselbe Bedeutung erlangen.
(2)
Kultur
wird definiert als ein Gefüge von Rollen. Diese sind eingebunden in eine
Struktur, die den sozialen Rahmen zur Ausübung der Attitüden vorgibt, d.h. der
erfahrbaren und mit den Rollen verbundenen Verhaltensweisen und Äußerungen von
Einstellungen.
(3)
Die
Rollen - Übernahme wird als das zentrale Merkmal der symbolischen Interaktion
als auf den Interaktionspartner angepaßtes soziales Handeln angesehen. Hierbei
wird entweder die Perspektive des signifikanten oder des generalisierten
Anderen eingenommen und damit verbundene Attitüden übernommen.
(4)
Denken
gilt als symbolischer Prozeß, weil die relevanten Handlungsmöglichkeiten die
Symbolfunktion übernehmen und vom Denkenden die eigene Rolle, eventuell im
Sinne der Perspektive des verallgemeinerten Anderen einer Bezugsgruppe,
eingenommen wird. Es findet eine Vermischung der Zeitdimensionen Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft statt, bei der erwartete Folgen einer
Handlungsmöglichkeit in die Gegenwart versetzt und mit Erfahrungen in der
Vergangenheit verknüpft werden. Die Entscheidung erfolgt als Reaktion auf einen
in der Zukunft erwarteten Reiz.
Berger, Peter L. und Thomas Luckmann:
Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit.
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[1]Helle, Horst J.: Verstehende
Soziologie und Theorie der symbolischen Interaktion. Stuttgart 1977, S. 71.
[2]Treibel, Annette: Einführung
in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1993, S. 111.
[3]ebd., S. 90.
[4]So der von Charles W. Morris
stammende Untertitel zu: Mead, George H.: Geist, Identität und Gesellschaft.
[5]Endruweit, Günter und Gisela
Trommsdorf (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie. Stuutgart 1989, Stichwort:
"Interaktion", S. 310.
[6]Rose, Arnold M.:
Systematische Zusammenfassung des symbolischen Interaktionismus. In: Hartmann,
Heinz (Hrsg.): Moderne amerikanische Soziologie. Neuere Beiträge zur
soziologischen Theorie. 2. Aufl., Stuttgart 1973, S. 268.
[7]vgl. Mead, George H.:
Sozialpsychologie. Neuwied, Berlin 1969, S. 219.
[8]Mead, George, H.: Geist,
Identität und Gesellschaft. 8. Aufl., Frankfurt am Main 1991, S. 85.
[9]Miebach, Bernhard:
Soziologische Handlungstheorie. Eine Einführung. Opladen 1991, S. 56.
[10]Mead: Geist, Identität und
Gesellschaft. S. 200.
[11]ebd., S. 199.
[12]Helle: Verstehende
Soziologie. S. 83.
[13]Mead: Geist, Identität und
Gesellschaft. S. 105.
[14]ebd., S. 105.
[15]ebd., S. 104.
[16]ebd., S. 94.
[17]Rose: Systematische
Zusammenfassung. S. 272.
[18]ebd.
[19]ebd.
[20]Mead: Geist, Identität und
Gesellschaft. S. 211.
[21]Coburn-Staege, Ursula: Der
Rollenbegriff. Ein Versuch der Vermittlung zwischen Individuum und
Gesellschaft. Heidelberg 1973, S. 20.
[22]Helle: Verstehende
Soziologie. S. 76.
[23]Coburn-Staege: Rollenbegriff.
S. 20.
[24]vgl. ebd.
[25]Krappmann, Lothar: Soziologische
Dimensionen der Identität. Strukturelle Bedingungen für die Teilnahme an
Interaktionsprozeßen. 5. Aufl., Stuttgart 1978, S. 39.
[26]Mead: Geist, Identität und
Gesellschaft, S. 301.
[27]Coburn-Staege: Rollenbegriff.
S. 21.
[28]Berger, Peter L. und Thomas
Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der
Wissenssoziologie. Frankfurt am Main 1993, S. 51.
[29]Helle: Verstehende
Soziologie. S. 85.
[30]ebd., S. 86.
[31]Mead: Geist, Identität und
Gesellschaft. S. 196.
[32]Rose: Systematische Zusammenfassung.
S. 273.
[33]ebd.
[34]vgl. ebd.
[35]Mead: Geist, Identität und
Gesellschaft. S. 198.
[36]ebd., S. 199.
[37]ebd., S. 274.
[38]vgl. Rose: Systematische
Zusammenfassung. S. 274.