Johannes
Gutenberg-Universität Mainz
Institut
für Ethnologie
"DAS
GESCHLECHTERVERHÄLTNIS BEI DEN KEWA IM SÜDLICHEN HOCHLAND VON
PAPUA-NEUGUINEA"
3.
GESCHLECHTERROLLEN UND UNGLEICHHEIT
3.1.
Statuszuschreibung durch Heirat
5. DIE ENTSTEHUNG
VON UNGLEICHHEIT DURCH REZIPROZITÄT
Die
Sprachgruppe der Kewa lebt im südöstlichen Teil der Provinz Südliches Hochland
in Papua-Neuguinea. Sie umfaßt etwa 50.000 Personen, die auf einem Areal von
1500 km2 leben. Die Ethnographin Lisette Josephides führte ihre Feldforschungen
zwischen 1979 und 1981 durch. In dieser Zeit verbrachte sie zwei Jahre in der
Siedlung Yakopaita im Süden des Kewa-Sprachgebietes, den Archiven der
University of Papua New Guinea und in Mendi und Kagua, wo sie sowohl Sprache
und Dialekte der Kewa als auch die Reporte der Kagua und Erave Patrouillen
studierte. Diese stellen zusätzlich zu Gesprächen mit Mitgliedern der Kewa die
Grundlage ihrer Dissertation im Jahre 1984 dar, auf der ihr Buch "The
Production Of Inequality" basiert. In diesem beschreibt Josephides den Lebensraum, die Gruppenstrukturen - in
erster Linie anhand der jeweiligen Abstammungsmythen der Teilgruppierungen, die
Wirtschaftsweise, die Arbeitsteilung, die zentralen Institutionen zur traditionellen
und modernen Konfliktlösung und Bestätigung verschiedener Handlungen, wie z.B.
Hausbau, Beerdigung und Heirat, und schließlich die Enstehung von
Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern bei den Kewa. Besonders auf den
letzten Punkt soll in dieser Arbeit hingearbeitet werden. Hierzu erscheint es
notwendig, sowohl ökologische und ökonomische, als auch soziale und kulturelle
Aspekte der Kewa-Gemeinschaft zu beschreiben, wenngleich diese Trennung im
Kontext der Beschreibung von sehr komplexen Institutionen als nicht hinreichend
erscheinen mag.
Die
Sprachgruppe der Kewa lebt in den bewaldeten Tälern der Flüsse Sugu, Erave und
Kagua, im Grasland und auf Hochebenen in verstreuten Siedlungen. Sie bewohnen
das Bergland von Papua Neuguinea, das sich dort von einer Höhe ab 1.300 bis
1.800mNN erstreckt. Die vorherrschende Flora ist geprägt von Regenwald und den
Gärten der Kewa, in denen sie traditionell Yams, Taro und Süßkartoffeln und
heutzutage auch Kaffee anpflanzen. Außerdem ernähren sie sich von Bananen,
Zuckerrohr und verschiedenen Gemüsen. Grasanbau wird vor allem für den Hausbau
durchgeführt. Die Fauna setzt sich neben Süßwasserfischen aus Wildschweinen,
Emus und Beuteltieren zusammen, deren natürlicher Bestand jedoch zurückgeht.
Zum Ausgleich wird sowohl Viehzucht als auch die Aufzucht von Hühnern und
Schweinen, für deren Ernährung die Süßkartoffeln verwendet werden, in den
einzelnen Haushalten betrieben.
Die
Siedlungsform der Kewa ist das Dorf mit 30 - 450 Einwohnern (Josephides 1985:
45; LeRoy 1979: 181). Ein solches ada
besteht aus verschiedenen Häusern, die rund um den Versammlungsplatz (yawe kama) angesiedelt sind: ein langes
Männerhaus (tapada), ein
röhrenförmiges Nahrungshaus (neada),
mehrere Ansammlungen von Frauenhäusern (wenada)
und eventuell ein langgezogenes Haus (pokala).
Weiter entfernt von der eigentlichen Siedlung und versteckt im Wald liegen die
Kulthäuser. Die Küchengärten (yamanu)
werden in der Nähe der Frauenhäuser angelegt. Im tapada schlafen die Männer, wenn keine Rituale durchgeführt werden.
Dann schlafen sie in den Kulthäusern abseits der Siedlung. Die Frauen wohnen
gemeinsam mit den Kindern und den Schweinen in den Frauenhäusern. Oft kommt es
zu Konflikten zwischen den Frauen, die dann in mehr oder weniger separierte
andere Häuser umziehen müssen. tapada
und neada werden meist zu Beginn
eines Schweineschlachtfestes erbaut, ein gesellschaftlich bedeutender Anlaß zur
Zusammenkunft vieler Gruppierungen. Seitdem die Missionen das Leben der Kewa
entscheidend prägen, leben viele Ehepaare in station houses, die als Unterkunft für die Kernfamilie erbaut
werden.
Soziale
Gruppierungen werden in der Sprache der Kewa laut Lisette Josephides mit ruru oder, in einer sprachlichen
Abwandlung laut LeRoy, mit repa bezeichnet.
Mit Hilfe dieser Kategorie beziehen sich die Kewa auf ihren Clan, ihre
Patrilineage oder ihre Familie. Ausgeweitet auf die regionalen und politischen
Einheiten steht der Term kapidi ruru
für die Regierungsbeamten und die "Weißen", missini ruru für die Bediensteten der Mission und Sugu ruru für die Bewohner der
regionalen Einheiten East und West Sugu.
Lisette
Josephides definiert eine solche Bezugsgruppe unter Zuhilfenahme der
Definition von John D. LeRoy mit den Kriterien der gemeinsamen agnatischen
Filiation, d.h. Abstammung und Zuschreibung von Rechten erfolgt über die
Vaterlinie, dem Kriterium des gemeinsamen mythischen und historischen
Hintergrundes und einer gemeinsamen Ideologie (Josephides 1985: 16f.). Eine
solche Gruppe kann unterteilt sein in mehrere kleinere Untereinheiten (oge ruru), wenn die Mitglieder bestimmte
relevante Merkmale besonders herausstellen wollen. Bezieht sich ein Kewa auf
seine Zugehörigkeit zu dem ada ruru,
so meint er damit die Gemeinschaft dieser oge
ruru. Ein bestimmtes Gebiet wird immer in Verbindung gebracht mit ein oder
zwei solcher Gruppen, obwohl dort noch Mitglieder anderer ruru leben können, die dann als Immigranten (epea ali) angesehen werden. Jene Personen können sich dem hiesigen ruru anschließen oder bilden als Gruppe
einen selbständigen oge ruru.
Josephides betont jedoch, daß ein Kewa sich immer auf die größtmögliche Gruppe
beziehen wird.
"..if
you ask a man 'What is your ruru?' he will reply giving the name of the largest
group to which he belongs, which is unlikely to be his clan or patrilineage.
He will call this his 'big name' (ada ruru)." (Josephides 1985: 17)
Dies gilt
gegenüber einem Weißen. Das Gegenüber ist immer entscheidend. Damit stellt
Josephides das Merkmal in den Vordergrund, das für sie die ruru als politische Einheit kennzeichnet: die gemeinsame Ideologie
und das Zusammengehörigkeitsgefühl, "ideology
of brotherhood" (Josephides 1985: 17) auf Stammesebene. Der Stamm oder
tribe setzt sich aus Clans zusammen,
die sich durch ihre faktische physische Nähe, etwa durch Nachbarschaft und als
terrioriale Einheit, und durch verwandtschaftliche Nähe, etwa durch die
Berufung auf einen Stammvater, verbunden fühlen. Diese verwandtschaftlichen
Verbindungslinien können umso weniger nachvollzogen werden, je umfangreicher
und heterogener die Stammesstruktur ausfällt. Dann stellt nur "an overaching name and an ideology of
kinship resting on a common story of origin" (Josehides 1985: 18) und
zusätzlich eventuell ein Ereignis in der Vergangenheit, wie z.B. eine
Kriegsallianz oder ein gemeinsam durchgeführtes Schweineschlachtfest, die
Verbindung zwischen den Patrilineages und Clans her.
Die von
Josrephides besuchte Gruppe der Kewa besteht aus drei „tribes“: die Perepe, die
Tiarepa und die Yala. Die Perepe berufen sich auf die Story von dem Baum Genoka
Pipi, der die drei Schwestern Ribanu, Wenu und Kamarenu aus Genoka bei einer
Rast nach der Arbeit geschwängert habe. Wenu und Kamarenu verblieben in Genoka
und begründeten die Clans der Maita und Malipu, während Ribanu nach Aliwi ging
und dort den Clan der Paripa, ein Teil des Yala-Stammes, gründete. Die
Mitglieder der Perepe lassen die Figur der Ribanu bei der Erzählung der
Geschichte aus. Sie sehen ihre Verbindung zu den Paripa wie die zu einer Cousine.
Man kann vermuten, die Paripa seien durch eine Abspaltung von den benachbarten
Perepe entstanden.
Die Tiarepa
beziehen ihre Abstammung aus dem Mythos des Rau aus Samberigi, der nur von
Wasser lebte und daher keinen After besaß. Ripurepa fand ihn und nahm ihn mit
nach Hause, wo er ein Fest zu dessen Ehren veranstaltete. Rau aß viel und
schließlich war sein Magen voll. Zur Entleerung setzte er sich auf einen Stock,
der seinen Anus öffnete. Nachdem er die Schwester von Ripurepa geheiratet
hatte, wurde er der Urvater aller Yala.
Die Yala-Clans
Yarepa, Ausparepa, Sularapola und Palerepa berufen sich auf den Mythos von Yala
aus Kuare, der seinen Bruder Anona bei der Jagd verließ und bei Wakiapada den
Fluß Sugu überquerte. Nachdem dieser angeschwollen war, konnte er nicht mehr
zurück. Er ging nach Aliwi zu Freunden, die ihm Gärten und eine Frau zur
Schwester und als Hilfestellung beim Arbeiten gaben. Als Yala auf einen Baum
geklettert war, sah das Mädchen seine Genitalien und warf eine Yamswurzel
darauf. Ihr Wunsch, ihren "Bruder" zu heiraten, wurde erfüllt,
nachdem sich die Yala in Frauengeber und Frauennehmer aufgespalten hatten. Die
ersten beiden Geschichten werden von Josephides als "exclusive and contradictory" (Josephides 1985: 19)
bezeichnet, weil sich die zwei Gruppen, die sich jeweils auf eine von ihnen
berufen, antagonistisch gegenüberstehen, während die dritte als Ergänzung der
ersten beiden angesehen wird.
Wichtiger für
die Entstehung der Gruppen als die Geschichten sind jedoch die de facto links, Kriegsallianzen,
Nachbarschaften und gemeinsam durchgeführte Zeremonien. Hierbei werden
gegenseitige Solidarität und Ideologie durch gemeinsame Interaktionen bewiesen
und bestärkt. Es kann zu einer immer wieder sich ändernden Zusammensetzung der
Stämme und Clans, z.B. auch durch exogames Heiraten, kommen. Auf die
tatsächlichen Abstammungslinien der Clans und Stämme soll hier nicht
eingegangen werden, weil es wohl den Rahmen sprengen würde. Aktuelle Angaben zu
machen ist mir ohnehin nicht möglich. Lisette Josephides hat den Stand in den
Jahren ihrer Tätigkeit auf den Seiten 19-27 ihres Buches "The Production
of Inequality" zusammengefaßt.
Der von
Marshall D. Sahlins stammende Begriff der "domestic mode of
production" (Sahlins 1972: 41ff.) eignet sich nach Auffassung von Lisette
Josephides für die Beschreibung der Ökonomie der Kewa. Diese häusliche
Produktionsweise ist gekennzeichnet durch drei Kriterien: geringe und vorwiegend
nach Geschlecht differenzierte Arbeitskraft, einfache Technologie und begrenzte
Produktionsziele. In erster Linie werden Gebrauchsgüter für die Subsistenz und
Versorgung der Familie produziert, die auch als Tauschgüter zum Zwecke des
Verbrauchs eingesetzt werden können. Bei den Kewa besitzt jeder Mann eine Reihe
von Tauschpartnerschaften, für deren Unterhaltung die Tauschgüter, wie
Schweine und Muschelschalen, zur Verfügung stehen. Diese Güter werden jedoch
zunächst als Verbrauchsgüter produziert und erst später in Tauschgüter
umgewandelt.
Die Wirtschaft
der Kewa ist geprägt vom Gartenbau. Die Kewa kennen drei Arten von Gärten: der Küchengarten (yamanu), modo mapu und emapu. Im Küchengarten werden
verschiedene Feldfrüchte angepflanzt, wie Taro und Yams. Süßkartoffeln wachsen
im modo mapu zusammen mit Zuckerrohr,
Pitpit und verschiedenen Grünpflanzen. Im Garten emapu pflanzen die Kewa eßbare Gräser und Grünpflanzen an.
Letzterer wird weiter entfernt von der Siedlung angelegt und am Ende des Jahres
heruntergebrannt (Josephides 1985: 7). Neben den Gärten wird seit dem Ende der
50er Jahre in Papua Neuguinea auf Initiative der Verwaltung auch Kaffee
angepflanzt.
Bei den Kewa
arbeiten Männer und Frauen überwiegend getrennt in ihren eigenen
Arbeitssphären. Josephides beschreibt die Arbeitsteilung bei den Kewa
folgendermaßen:
"Women
tend gardens, pigs and children. They usually cook for the household and keep
the house clean. Nowadays they do the washing, most market selling, a lot of
coffee picking, and cleaning. Men prepare garden sites from bush (very infrequently;
subsequent grass burning of a plot is normally the work of women), hunt,
transact exchanges, arrange pig kills, fight wars, and lead religion." (Josephides 1985: 116)
Die
Arbeitsbereiche überschneiden sich teilweise, z.B. bei der Gartenarbeit. Die
Tätigkeiten in den Gärten, wie das Pflanzen und Ernten, werden durch die Frauen
erledigt, nachdem die Männern den Boden entsprechend präpariert haben. Die
gemeinsamen Aktivitäten sind auch bestimmt durch die Besitzverhältnisse. So
gehört der Boden, auf dem die Gärten angelegt werden, den Männern. Die Gräser,
die für den Hausbau als weitere "Schnittmenge der Arbeitssphären"
verwendet werden, sind im Besitz der Frauen. Ebenso befinden sich in weiblichen
Händen die Süßkartoffeln, die zur Aufzucht der Schweine verbraucht werden,
welche sich im Besitz der Männer befinden. Die Zusammenarbeit der Geschlechter
wird häufig durch die Verpflichtungen der Männer zu Besuchen, Treffen oder
Gerichtstermine gestört, so daß die Erziehung der Kinder, die Schweineaufzucht
und die Gartenarbeit meist an den Frauen hängenbleibt.
Die
Zubereitung des traditionellen Mahls mumu
(Pidgin für Erdofen) gilt als Gemeinschaftsarbeit, wobei die Männer eher die
angenehmeren Tätigkeiten übernehmen, z.B. das Essen in der Erdgrube verstauen
und wieder herausholen. Das Feuer wird von den Männern entzündet, nachdem das
Holz von ihnen als Besitzer der Äxte gefällt und von den Frauen eingesammelt
wurde (Josephides 1985: 118). Die Bereiche der Religion und der Politik sind
den Männern vorbehalten. Alle Regierungs- und Kirchenbeamten in Papua
Neuguinea sind männlichen Geschlechts.
"In
spite of the national Constitution's call for 'equal participation', both men
and women seem to take it for granted that is men's domain." (Josephides 1985: 117)
Die
Kaffeeplantagen gehören den Männern. Diese erlauben ihren Ehefrauen und den
weiblichen Verwandten und Freunden auf den Plantagen zu arbeiten und die
Ernteerträge auf dem auf Markt zu verkaufen. Gerade die verheirateten Frauen
haben jedoch keine einklagbaren Rechte auf den Erlös ihrer eigenen Arbeit auf
der Plantage ihres Ehemannes. Dieser bestimmt über die intrafamiliäre
Verteilung und den weiteren Einsatz des Kaffees nach der Ernte und setzt ihn
z.B. zur Unterhaltung seiner Tauschpartnerschaften, als Investition oder zum
Kauf europäischer Güter ein.
Über die
Aufteilung der Arbeitsbereiche werden bei den Kewa die Geschlechterrollen
definiert. Der Inhalt des englischen Begriffs gender geht über den des Geschlechts sex hinaus. Ersterer definiert eine soziale Trennung der
Geschlechter, in deren Rahmen dem Individuum unabhängig von dessen Streben und
Fähigkeiten bestimmte geschlechtsspezifische Attribute und Domänen der
Tätigkeit zugeschrieben werden. Diese Trennung hat ihren Ursprung in den
bereits vorher erwähnten gruppenspezifischen Ideologien der Brüderlichkeit,
deren Urheber die Männer sind und in deren Konsequenz soziale Ungleichheiten
zwischen den Geschlechtern in den Bereichen der Ökonomie, der Politik und der
Rituale entstehen. Solche Ungleichheiten der Geschlechter äußern sich in der
sozialen Rangordnung, die aufgrund unterschiedlicher Macht- und
Prestigeverteilung entsteht und die geschlechtsabhängige Zuordnung von Status
beschreibt.
Allgemein ist
das Konzept des Mannes bei den Kewa das des tapferen Kämpfers, während die Frau
als feige und unentschlossen gilt. Als "Frau" kann jedoch auch ein
Mann bezeichnet werden. So soll einmal eine Frau nach einem Streit zu ihrem
Ehemann gesagt haben:
"There
go two men from a clan that has killed many of your brothers. If you were a man
you would kill them. But you are just a woman, so you beat your wife." (Josephides 1982/83: 296)
Bei den Kewa
besteht ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Männern und Frauen zumindest in
einem Aspekt: dem der Heirat. Sowohl Männern als auch Frauen wird aufgrund
dieser Bindung ihr Status und ihre Position innerhalb der Gesellschaft
zugeschrieben. Jedoch ist nach Josephides unverkennbar, daß eher die Männer
als die Frauen heiraten wollen. Schließlich verpflichten sich letztere
hierdurch zur Übernahme von zusätzlicher Verantwortung im Bereich des Haushalts
und der Erziehung, ohne dafür eine besondere Belohnung zu erhalten. Die Männer
sind stärker abhängig von den Frauen als umgekehrt. Unverheiratete Männer
werden als tieboali, als "rubbish man" (Josephides
1985: 138f.) bezeichnet. Dieser Term drückt die
Unfähigkeit aus, "to display wealth
or to honour obligations in the proper manner" (Josephides 1985: 139).
Ein Kewa-Mann
kann seinen Verpflichtungen innerhalb von Tauschpartnerschaften nur dann
nachkommen, wenn er mit einer Frau verheiratet ist, die seinen Haushalt
versorgt und seine Kinder und Schweine großzieht. So sorgt sie für seinen
Wohlstand und verschafft ihm den Status eines wohlhabenden
Gemeinschaftsmitgliedes. Die Frau jedoch kann ohne weiteres für sich selbst
sorgen. Es gebe genug brachliegende Felder, die nur darauf warten, mit wenig
Aufwand bepflanzt zu werden.
"Among
Kewa villagers nowadays there are hardly any single able-bodied men of over
twenty-five years or so. The only one in our settlement was deaf and dumb, and
his celibate status was explained with reference to the unavailability of his
peer: 'You see there are no deaf and dumb women in this area.'" (Josephides 1985: 154)
Die Heirat als
soziale Institution findet bei den Kewa zwischen exogamen Clans statt. Jedoch
wird sie als eine Verbindung zwischen Individuen bzw. Familienmitgliedern oder
Mitgliedern von Lineages und nicht der Clans angesehen. Mit der Heirat
verbunden sind Änderungen der Rechte der Braut auf Land und Wohnung im Clan
ihres Vaters. Sie arbeitet nach der Heirat und dem Umzug in das Dorf ihres
Mannes noch in den Gärten ihres Herkunftsclans, um die Beziehung aufrecht zu
erhalten. Erst nach der Heirat gilt sie als erwachsene Frau und wird im Clan
ihres Mannes als "Schwester" und Mitglied der Gruppe betrachtet.
Die Braut wird
vom Vater des Bräutigams oder durch diesen selbst ausgeführt. Hierbei gibt es
bei den Kewa nur wenige Beschränkungen und Vorschriften. Die Braut darf nicht
aus der eigenen Patrilineage (apara),
der Lineage der Mutter (agira) und
der Mutter des Vaters (ayara)
stammen. Auch Die Heirat mit einer Person aus einer Lineage, in die bereits
Mitglieder der eigenen Lineage geheiratet haben, ist verboten. Jedoch verfällt
dieses Verbot in der Regel nach zwei Generationen. Heiratsvorschriften können
sich aus Begebenheiten in früheren Zeiten ergeben: Kriegsallianzen und damit
verbundene kurzzeitige Zusammenschlüsse mehrerer Gruppen führten dazu, daß
Verbindungen zwischen diesen als "incestuous"
(Josephides 1985: 26) angesehen wurden. Aus ähnlichen Gründen soll auch keine
Heirat zwischen Clans stattfinden, deren Stammütter identisch sind.
In der Regel
wird die Braut wegen des Bekanntheitsgrades in einem benachbarten Clan gesucht.
Sie wird von den Eltern des Bräutigams eingeladen und beobachtet. Hierbei
werden Geschenke ausgetauscht und die Fähigkeiten des Mädchens und ihre
Sorgfalt bei der Gartenarbeit und der Zubereitung und Verteilung des Essens
beurteilt. Es folgt das Aushandeln eines Brautpreises zwischen den Familien der
beiden Heiratspartner, wobei der Clan der Braut eine Kompensation für den
Verlust eines Mitgliedes erhalten soll. Es wird erwartet, daß der Bräutigam
diesen durch dessen Netzwerk zahlreicher Tauschbeziehungen finanzieren kann.
Junge Männer erhalten von Familienmitgliedern eine Unterstützung, die aus
Werten und Hilfestellung bei der Aufzucht der Schweine zur Zahlung des Preises
bestehen kann, während die Älteren die Hauptlast des Brautpreises selber
tragen. Am eigentlichen Heiratstausch sind sowohl nahe und entfernte Verwandte
wie auch die Beschützer der Braut und solche Personen, die ihr Geschenke
gemacht haben, beteiligt. Bei den folgenden Tauschaktionen wird zwischen den
Mitgliedern der Parteien der Brautnehmer und -geber unterschieden. Zu den
Brautgebern gehört der Clan der Braut und der Braut ihres Bruders, sowie Vater,
Mutter und Bruder der Braut ihres Sohnes und der Vater der Braut des Sohnes des
Bruders ihres Vaters. Zu den Brautnehmern zählen die Mitglieder des Clans des
Bräutigams (FZ, Z, D) und deren Ehemänner, sowie FZS und FZD, ZS und ZD und
Vater, Mutter und Bruder des Ehemannes seiner Tochter. Da bei den Kewa die
Mehrfachheirat für die Männer erlaubt ist, d.h. ein Mann mehrere Ehefrauen
haben kann, kann davon ausgegangen werden, daß zum Zeitpunkt einer Heirat
Kinder vorhanden sind. Die Brautgeber empfangen im Unterschied zu den
Brautnehmern mehr als sie geben. Schließlich haben die "wife-takers"
eine Schuld in Form einer Kompensation zu zahlen. Dies äußert sich darin, daß
die Brautgeber für ein zum Tausch gegebenes Schwein zwei kleine Schweine
erhalten (rekele). Zusätzlich geben
die Brautgeber noch ein Schwein oder Geld als Brautpreis dazu (ragele). Nach dem Abschluß der Zahlungen
arbeitet die Braut im Garten des Ehemannes, wobei sie von dessen Vater
geschützt wird und eben dort wird nach wenigen Tagen oder Wochen die Ehe
heimlich vollzogen, "to avoid
merciless teasing from his age-mates" (Josephides 1985: 55).
Der
beschriebene Vorgang ist reversibel. Die Braut ist nicht gezwungen, mit einem
Mann zusammenzuleben, den sie nicht mag. Eine Trennung und Wiederverheiratung
ist möglich, jedoch muß dann der bereits gezahlte Brautpreis zurückerstattet
werden. Wird eine Ehe geschieden, kehrt die Frau in ihren Herkunftsclan zurück.
Allerdings besitzt sie dort keine Rechte mehr, obwohl sie zwischenzeitlich
mitgearbeitet hat.
Die
Geschlechterrollen sind bei den Kewa eingebunden in eine Prestigestruktur,
deren bedeutendste und ranghöchste Terme männlich sind (Josephides 1985: 132).
So taucht das männliche ali in den
Bezeichnungen der höchsten sozialen Positionen amo ali, mudu ali, kalu ali und mena li ali auf. Der amo ali
ist der reiche Politiker, der Macht über Krieg und Frieden besitzt und als
Zeremonienleiter die Tauschaktionen durchführt und in Disputen vermittelt. Der
mudu ali führt als Art General die
Krieger an. Der kalu ali hat als
Gruppenältester besonders Kultfunktionen inne, während mena li ali den den Jäger bezeichnet. Josephides stellt die
Behauptung auf, daß durch die Männer solche Bereiche in den Mittelpunkt der
Gesellschaft gerückt wurden, in denen nur sie aktiv sind. Diese öffentlichen
Domänen, der Tausch, der Krieg und die Jagd prägen die sozialen Normen. Die
entstehende Rangordnung beinhaltet eine Unterordnung der von Frauen besetzten
Positionen in der häuslichen Sphäre der Produktion, die das männliche Bedürfnis
nach Ansehen wiederspiegelt (Josephides 1985: 136).
Die Macht der
Frauen im privaten Bereich basiert auf ihren magischen und sexuellen
Fähigkeiten. Sie züchten die Pflanze ali
rakia, die sie in das Essen eines Mannes mischen können, um ihn in
vielerlei Hinsicht zu beeinflußen. Die Pflanze gilt als Aphrodisiakum, hat
eine berauschende oder schmerzhafte Wirkung und läßt die Frau als
unwiderstehlich erscheinen. Kinder werden mit der Pflanze behandelt, um den
Ehemann gefügig zu machen und ihn von weiteren Heiraten abzuhalten. Durch den
Einsatz ihrer Sexualität sind Frauen in der Lage die Männer von magischen
Übergriffen zu heilen und zu befreien (Josephides 1985: 121f.). Die Macht der
Männer beeinflußt das öffentliche Leben der Kewa.
Die politische
Macht, "the ability to influence social
decision, to speak for the group" (Josephides 1985: 145), ist den
Männern vorbehalten. Der Träger dieser Macht ist der Big Man, der die soziale
Entscheidungen beeinflußt, die großen Gruppenveranstaltungen, wie den Pig Kill
kontrolliert und als Sprecher seiner Gruppe mit der nur den Männern
zugestandenen Redegewandtheit auftritt. Er ist bestrebt, bei Streitigkeiten
einen Kompromiß zwischen den Meinungen der Parteien zu finden und diesen im
Interesse aller zu schlichten. Durch freie Meinungsäußerung aller Personen
sollen Ressentiments abgebaut werden. Je größer die Akzeptanz für die Lösung
des Big Man ausfällt und je besser es diesem gelungen ist, seine Meinung als
die für alle Beteiligten beste Lösung herauszustellen, umso mehr Ansehen
erlangt er. Eine Person muß eine Qualität besitzen, um Big Man werden zu
können: savoir-faire. Lisette
Josephides beschreibt den Big Man Rimbu aus
Yakopaita folgendermaßen:
"Thus Rimbu is one who has savoir-faire, who can judge a situation
correctly and is well-versed in the social mores as well as in proper
etiquette. He does not lose his temper and is not dismissive or openly scornful
of anyone. He is patient, and listens to everyone's point of view and everyone's
problems, which he discusses for hours on end. He is generous, hospitable,
avaible and helpful...In short, he had to keep everyone happy and splash his
money about." (Josephides 1985: 165)
Neben diesen
persönlichen Eigenschaften besitzt ein Big Man Verantwortung als Repräsentant
seiner Gruppe. Als solcher sichert er ihren Zusammenhalt und wahrt ihre
Autonomie. Häufig kommt es zwischen zwei Big Man zu Streitigkeiten um die
Kompetenz bei Streitfällen. Dann muß der Vertreter des Clans oder Dorfs
gegenüber dem Sprecher eines ganzen Stammes seine hierarchische Unterordnung
zugestehen.
Seit der
Unabhängigkeit Papua Neuguineas im Jahre 1975, gefolgt vom Aufbau einer an
Provinzen orientierten Verwaltung im Jahre 1977 und der allgemeinen
Pazifizierung, gibt es im Hochland noch eine weitere Entscheidungsinstanz: den
Village Court. Dieser besteht im Fall des West Sugu Areas aus fünf Village
Magistrates, einem Clerk of Court und zwei Peace Officers, die zweimal
wöchentlich Gericht halten und Anhörungen in den Dörfern durchführen, bei denen
die Vermittlungsfunktion des Village Magistrate dem des Big Man ähnelt. Das
Gericht beschreibt Josephides als
"...an
historical amalgam of traditional mediation methods, the 'umpire' system of
snappy judgement provided by Patrol Officers prior to Independence, and Western
ideas of abstract justice contained in Australian law books." (Josephides 1985: 147)
Der Village
Court repräsentiert den Nationalstaat Papua-Neuguinea als dem Dorf
übergeordnete sanktionierende Autorität. Die Entscheidungen halten sich an
Richtlinien, die häufig neues Recht mit traditonellem Recht vermischen.
Hierbei muß der Village Magistrate sowohl die traditionellen Sitten der
kollektiven Verantwortlichkeit als auch das jeweilige Ansehen der Gruppen
beachten.
Traditionell
heißt es bei den Kewa, daß der Tod oder die Verletzung eines Gruppenangehörigen
kompensiert werden muß. Es muß ein Ausgleich für den Verlust einer Person
geschaffen werden. Diese Kompensationszahlungen beruhen auf der Vorstellung,
daß viele Personen Rechte an einer Person haben, die berechtigt und zum Erhalt
ihres Prestiges verpflichtet sind, einen Ausgleich für Übergriffe auf ihre
Sphäre zu verlangen. Hierbei spielt sowohl die auf Kosten der ganzen Gruppe
verlorene Körperkraft eine Rolle als auch die Vorstellung von Ahnengeistern.
Diese remo rächen sich an der Gruppe,
wenn diese ihre Aufsichtspflicht z.B. gegenüber einem verwaistem Kind mißachtet
hat und dann keine Kompensation einfordert.
Solche
Übergriffe können sowohl physischer Natur, wie im Fall von Vergewaltigung,
Diebstahl und Verwüstung der Gärten und Häuser, als auch verbaler Natur sein,
wenn eine Person auf dem Wege der Magie ihrem Wunsch Ausdruck verleiht, eine
andere Person solle krank werden. "Blood,
people say, must always be compensated" (Josephides 1985: 149), jedoch
wird diese Regelung vernachlässigt, wenn es sich nur um einen Streit zwischen
Ehefrauen und ihrem Ehemann handelt.
Die Beilegung
von solchen Konflikten ist sowohl die Aufgabe des Big Man wie auch des Village
Magistrate. Teilweise sind die beiden Funktionen in einer Person vereinigt. Die
Position des Village Magistrate ist im offiziellen Sinn ein Amt (ascribement).
Wenn es jedoch darum geht einen Magistrate als Repräsentant einer Region
auszuwählen, liegt es nahe, den jeweiligen Big Man als Träger von Macht und
Prestige (achievement) hierzu zu ernennen. Dieser ist ohnehin geübt im Finden
von Kompromissen und ist durch seine Rolle als Organisator von
Gruppenveranstaltungen eingebunden in zahlreiche persönliche Beziehungen, die
meist auf Tausch basieren. Der Big Man arrangiert den Pig Kill und ist sowohl
für die Motivation zu als auch für die Koordination und das Timing der
notwendigen Handlungen zuständig.
Der Ablauf
eines Schweineschlachtfestes yawe
vollzieht sich in Phasen. In der Vorbereitungsphase ist der Initiator des
Festes bestrebt, möglichst viele Menschen als Unterstützer und Helfer für seine
Sache zu begeistern. Er baut ein Männerhaus tapada
und versucht durch kleine Feste Leute anzulocken und sie an den Vorbereitungen
zu beteiligen. Als die "Mutter" (agi)
des Festes wird die Person bezeichnet, die dem Initiator durch die größte Unterstützung
am nächsten steht. Während dieser oft mehrjährigen Phase ist der ara, der "Vater" des Pig Kill,
verpflichtet, Zahlungen zu leisten, um die einmal begonnen Beziehungen aufrecht
zu erhalten. Stirbt einer der Helfer, so muß der Initiator einen Ausgleich für
die Verwandten bereitstellen. Je mehr Unterstützer er um sich versammeln kann,
umso stärker wächst sein Ansehen. Der Initiator muß in dieser Phase hohe
Schulden bei der "Mutter" und den Helfern aufnehmen, um die Schweine
für die vorangehenden Feste zu organisieren. Aus diesem Grund divergieren die
Interessen des agi und des ara:
"The
'mother' would try constantly to bring the yawe forward (in order to discharge
his duties and start planning his own yawe), while the 'father' would want to
put it off until the line of the pig stakes was long." (Josephides 1985: 178)
In der zweiten
Phase findet der Bau des neada satt, eines langen Hauses, in dem jeder
männliche Unterstützer seinen eigenen Raum errichtet. Dessen Größe ist jeweils
abhängig von der Menge an Schweinen, mit der er sich an dem Fest beteiligt. In
dieser Zeit ist der "Vater" verpflichtet alle am Hausbau beteiligten
Männer, Frauen und die kaberekeali,
bezahlte Hilfsarbeiter, zu versorgen. Häufig wandeln in dieser Phase andere
Männer das Schweineschlachtfest durch den Bau eigener neada zu einer "joint
affair" (Josephides 1985: 178). Es findet jedoch weiterhin auf dem
Boden des "Vaters" statt und trägt daher auch seinen Namen.
Die dritte
Phase (wali karia) findet wenige Tage
vor dem eigentlichen Pig Kill statt. Verschieden große Stücke Zuckerrohr werden
an die Beteiligten verteilt und zeigen an, wieviel Schweinefleisch die
jeweilige Person nach dem Schlachten erhalten wird. Zur gleichen Zeit stellen
die pig killers ihre Muschelschalen, ein wertvolles Tauschgut aus den
Küstenregionen, aus und geben bekannt, wer sie erhalten wird. Außerdem
verteilen sie Bambusstücke an die Gäste, auf denen anhand von Ritzen vermerkt
ist, wieviel Geld und kleine Nahrungsgaben diese als Rückzahlung für eventuell
bestehende Schulden erhalten werden. Am Ende des Tages des wali karia weiß jeder der Beteiligten was er bei den Tauschaktionen
im Rahmen des Pig Kill erhalten wird,
"and there should be no surprises".
"At
this stage it is still hoped to attract more pig killers. At a recent pig kill
one men described...how on seeing his display of shells people 'greased' him
with promises of pigs and money in order to obtain some of his shells." (Josephides 1985: 179)
Am Tag vor dem
eigentlichen Pig Kill zeigen alle Beteiligten ihre Schweine und binden sie an
langen Stangen fest. Dann folgt die verwirrende Muschelverteilung, bei der die
Muschelschalen von ihrem Besitzer hochgehalten werden und der Name desjenigen
ausgerufen wird, der neuer Besitzer des wertvollen Stückes ist. Der Empfänger
tut meist dasselbe nach dem Erhalt der Muschel, so daß am Ende viele Personen
doppelt so viele Muscheln verteilt haben wie sie ursprünglich mitbrachten.
Diese Tauschaktionen können viele Bedeutungen haben: eine Bezahlung an
angeheiratete Verwandte, ein Geschenk oder eine Gegengabe für einen
Tauschpartner, von dem man ein Schwein erhält. In früheren Zeiten wurden diese
Aktionen begleitet von Tänzern, die von reichen Schweineschlachtern engagiert
wurden, um ihren Wohlstand unter Beweis zu stellen. Jedoch wurde diese Sitte
von den Missionaren als sexuelle Provokation angesehen und untersagt. Auch der
Kopfschmuck wabe wurde nur früher von
denjenigen Beteiligten getragen, die es sich leisten können, sowohl die
Patrilineages ihrer Mutter, als auch die des Vaters und der Ehefrau mit
Schweinefleisch zu versorgen.
Am Abend des
letzten Tages vor dem Pig Kill findet ein kleines Fest statt, in dessen
Anschluß im Morgengrauen das Schlachten der Schweine durchgeführt wird. Die pig
killers laufen zwischen den Schweinen herum und erschlagen sie mit einem Stab (mena roto). Diese Prozedur ist sehr beschwerlich.
Die Schweine werden von vielen Personen nacheinander auf den Kopf geschlagen.
Bevor sie sterben, wird noch einmal der Name des Besitzers ausgerufen. Es
folgt die Zubereitung des Fleisches. Hierfür wird ein langer tiefer Graben
(mumu) ausgehoben und mit heißen Steinen und Bananenblättern ausgelegt. Die
Schweinehälften werden zum Garen hineingelegt und der Graben wieder
verschlossen. Vorher werden die Köpfe und Innereien an die Frauen gegeben und
mit dem Blut über dem offenen Feuer gekocht. Mit dem Verzehr dieser Teile wird
die mehrstündige Wartezeit überbrückt. Schließlich wird das Fleisch aus dem
Graben genommen. Nach der Verteilung des Schweinefleischs wird dieses verzehrt
oder von dessen Besitzer mit ins Heimatdorf genommen.
Ein Schweineschlachtfest
kann viele verschiedene Funktionen erfüllen. Ebenso zahlreich sind die Anlässe,
zu denen ein solches Fest veranstaltet wird. Die erste Funktion ist die der
Symbolisierung eines traditionellen Zusammenhalts von Verwandten. Wird ein Pig
Kill aus Anlaß der Beerdigung eines Familienvaters von einem seiner Söhne
durchgeführt, so sind dessen Brüder verpflichtet an der Veranstaltung
teilzunehmen, wenn sie ihr Ansehen nicht verlieren wollen.
"This
is a very common post factum justification given for a pig kill, since one does
not have to look very far back for the death of an elder or an important
man." (Josephides
1985: 185)
Dieser Anlaß
wird also oft benutzt, um genug Unterstützung für die Veranstaltung zu
erlangen. Es wird auch gesagt, daß kranke Tiere getötet werden müßten, um das
Fleisch nicht zu verschwenden. Normalerweise will ein Big Man seinen Namen in
den Vordergrund stellen, sein Ansehen vermehren oder seine Schulden
ausgleichen. So siegen oft die individuellen Interessen des Organisators über
den Unwillen anderer, die er dadurch auch zu seinen Feinden machen kann. Eine
weitere Funktion für die Zusammensetzung der Kewa besteht in der Verschmelzung
von Gruppen, die ein Pig Kill zum Anlaß nehmen, sich unter einem Namen
zusammenzutun. Dieser Vorgang ist nicht endgültig, eine erneute Aufspaltung und
die Übernahme der alten Namen ist möglich. Eine solche Verschmelzung könnte
z.B. vor dem Hintergrund einer Kriegsallianz und der Feier eines gemeinsamen
Sieges über die Feinde vorgenommen werden, deren Schweine als Kriegsbeute zur
Bestärkung der Feindschaft getötet werden. Auch als Kompensation für die
geleistete Hilfeleistung im Rahmen der Allianz wird ein Pig Kill veranstaltet.
So kann ein solches Fest den Beginn einer gemeinsamen Geschichte mehrerer
Gruppen darstellen, die sich in Zukunft darauf beziehen können. Ein Fest kann
auch zu Ehren von Gästen, die von weit her kamen, zur Einweihung einer neuen
Kirche oder Siedlung, bei einem Heiratsaustausch, zur Versöhnung der
Ahnengeister oder als Reparationszahlung für einen entstandenen Schaden
organisiert werden. Gleichzeitig können viele Gründe eine Gruppe oder Person
dazu veranlassen, einen Pig Kill durchzuführen.
Die
Tauschaktionen im Rahmen eines Pig Kill laufen nicht unbedingt in Form einer
direkten Bezahlung ab. Es handelt sich meist um einen verzögerten Ausgleich
durch Gegengaben, die nicht denselben Wert besitzen müssen wie die erste Gabe.
Vielmehr ist das entscheidende Faktum die Entstehung einer Beziehung. Diese
wird idealtypisch in der Geschenkwirtschaft durch die Annahme eines Geschenkes
und dessen Erwiderung zwischen dem Spender einerseits und dem Empfänger
andererseits geknüpft. Das Geschenk kann nur genossen werden, wenn dem Spender
auch etwas zurückgegeben werden kann. Beim Pig Kill tauchen drei verschiedene
Arten von Gütern auf: Tiere, Muscheln und Geld. Diese werden innerhalb eines
ungleichen Tauschs weitergegeben. Erstens werden nicht alle Gaben sofort
ausgeglichen, sondern eine Schuld entsteht, die die beiden Tauschpartner
miteinander verbindet. Zweitens sind nicht alle Güter gleichermaßen
Verbrauchsgüter: Muschelschalen kann man ebensowenig essen wie Geld. In allen
Fällen handelt es sich um Tauschgüter.
Schweine
werden in den Haushalten als Gebrauchsgüter im Bewußtsein ihrer Verwendung für
die Subsistenz „produziert“. Im Rahmen des Pig Kill werden sie von den Männern
in Tauschgüter umgewandelt. Dieser Transformationsprozeß in den Strukturen des
Tauschs ist dominiert durch die Männer. Die Frauen sind hieran nur passiv im
Sinne der Ausführung der Interessen und Verpflichtungen ihrer Ehemänner
beteiligt. Sie verlieren als eigentliche Produzenten der Güter die Kontrolle
über sie, weil sie ihnen von den Männern durch die Verteilung entfremdet
werden.
"...Marx...argues
that private property in fact depends on alienation, not the other way around.
A 'smokescreen' process similar to the one described above occurs in barter,
when the provenance of object exchance is lost, so that was produced as a use
value becomes transformed into an exchange value." (Josephides 1985: 208)
Die Errichtung
einer solchen "Rauchwand" ist den Männern möglich, weil sie ihren
Prestigezugewinn innerhalb des Pig Kill als Angelegenheit der ganzen Gruppe
darstellen. So seien die Schweine von vielen Haushalten gemeinsam aufgezogen
worden und das aus dem reziproken Tauschaktionen entspringende Ansehen käme der
ganzen Gruppe zugute. Jedoch entsteht Prestigeungleichheit bei den Individuen,
die sich unterschiedlich stark an den Tauschaktionen beteiligen können: wer
wenig gibt, bekommt ebenso wenig zurück. Diejenigen Männer, die viele Frauen
und Schweine besitzen, können ihren Reichtum ausstellen und verteilen. In der
Folge ist ihnen die Maximierung ihrer Einnahmen möglich. Bestärkt wird all
dies durch die Gruppen-Ideologie der Männer, unter deren Deckmantel sie Güter
akkumulieren können, ohne verdächtigt zu werden.
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