UNIVERSITÄT ZU KÖLN

Institut für Völkerkunde

 

„ORDNUNGSPRINZIPIEN IM KOLONIALEN JAVA“

1. EINLEITUNG   2

2. DIE HÖFISCHE ORGANISATION   3

2.1. Die Prozession: Demonstration von Ordnung  3

2.2. Der Pakubuwana: Konzentration kosmischer Energie  4

3. DIE ORDNUNGSPRINZIPIEN   4

3.1. ORDNUNG: Tata  5

3.2. GEWOHNHEIT: Cara  5

3.2. KONFLIKTVERMEIDUNG: Rukun  6

3.3. KOSMISCHES HEIL: Slamet und Slametan  7

4. FAZIT: Tatacara  8

5. LITERATURVERZEICHNIS   8

 

 

1. EINLEITUNG

In dieser Arbeit soll gezeigt werden, daß die Prinzipien, die hinter Vorstellungen von „Recht“ stehen, sich nicht nur in Form von legalen, festgeschriebenen Regeln äußern. Besonders im Indonesien des 18. Jahrhunderts herrschten Vorstellungen von Rechtmäßigkeit, die sich nicht nur in der Rechtssprechung äußerten, sondern auch in Wertvorstellungen im alltäglichen Umgang unter allen Mitgliedern der Ge­meinschaft. Unter „Recht“ wird hier jedes Konzept verstanden, innerhalb dessen eine autoritäre Entscheidung über die Richtigkeit einer Handlungsweise mit der Absicht der universellen Anwendbarkeit auf zwei oder mehr willfährige Konfliktparteien getroffen werden kann. Die Berechtigung einer Handlungsweise in einer gegebenen Situation kann auch aus anderen Prinzipien heraus entstammen. So können Weltbilder und abstrakte soziale Normen von kosmischer Ordnung und Harmonie, als konfliktlösende Prinzipien verstanden werden.

In dieser Arbeit sollen die Ordnungsprinzipien idealtypisch dargestellt werden, die das Handeln eines jeden „Javaners“ determinieren. Im 18. Jahrhundert prägte das hier als typisch „javanisch“ dargestellte Weltbild das Handeln der Menschen am Hof des Königreiches Mataram, dem Karaton, wie auch außerhalb des Reichs­zentrums. Als „Javaner“ werden hier sowohl also die Positionsträger der höfischen Organisation wie auch die Mitglieder der Gemeinschaft außerhalb dieses Hofes verstanden. Die Darstellungen sind idealtypisch, d.h. sie sind nicht in jedem Fall deckungsgleich mit den empirischen Wertvorstellungen der Bevölkerung Javas. Es kann aber gezeigt werden, daß beobachtbare Handlungen, wie etwa das Slametan-Ritual, bis heute von den hier beschriebenen Vorstellungen geprägt sind.

Als Literaturvorlage diente die Doktorarbeit von John Pemberton „The Appearance Of Order“, eine staatwissenschaftliche Betrachtung der sozialen Ord­nung im kolonialen und postkolonialen Java, angefangen von den letzten Jahren des Königreiches Mataram bis zur „New Order“ unter Präsident Suharto. Werke zur „javanischen“ Ethik und Kultur sollen diese Arbeit abrunden. Unter Ordnungsprin­zipien werden Beschreibungen von abstrakten Idealzuständen und Gewohnheiten verstanden. Handeln im Sinne der Prinzipien zielt darauf ab, diese Zustände der Ordnung zu erhalten bzw. sie durch die Sichtbarmachung der Gewohnheiten zu bestärken.

Ein solcher Idealzustand ist die Harmonie im Kosmos, dessen Strukturen hier anhand der Figur der höfischen Organisation des Pakubuwana II. und III. kurz erläutert werden soll. Mit dem Umzug dieses Königshauses nach Solo wird eine einzigartige Handlungsweise beschrieben, die trotz ihres aufregenden Charakters bedacht war, die kosmische Harmonie nicht zu stören und gleichzeitig den tadellosen Zustand der Ordnung zu demonstrieren. Weiterhin sollen vier „alltäglichere“ Ordnungsprinzipien beschrieben werden, nämlich tata für Ordnung und cara für Gewohnheit. Die folgenden Prinzipien rukun und slamet, die beide im Sinne der Erhaltung von Harmonie zu deuten sind, werden nicht zeitlich eingeordnet und entsprechen aktuellen „javanischen“ Gewohnheiten.

Konfliktvermeidung wird hier nicht gleichgesetzt mit sozial erwünschter Abwesenheit von Uneinigkeit in den Wertvorstellungen. Vielmehr sollen die für gesellschaftlichen Wandel notwendigen Konflikte nicht in Streitigkeiten offen ausgetragen werden, um das Gleichgewicht der verschiedenen Interessen und Lebensformen nicht zu stören.

 

2. DIE HÖFISCHE ORGANISATION

2.1. Die Prozession: Demonstration von Ordnung

Das Zentrum des Königreiches Mataram bildete seit 1680 unter König Mangkurat II. der Palast in Kartasura (vgl. Koentjaraningrat 1985:53). Im Rahmen der Kolonialisierung durch die holländische VOC (Vereenigde Oost-Indische Compagnie) wurde das Königshaus Mataram in seinen Strukturen geschwächt. Es war abhängig von der militärischen Unterstützung durch die Holländer, die nötig war, um die Streitigkeiten der rivalisierenden Fürstenhäuser um die Nachfolge in der Herrschaft aufzuklären. Die Holländer befanden sich durch den Einsatz ihrer militärischen Stärke in einer expandierenden Machtposition.

Schließlich mußte der Hofstaat Mataram seinen Standort in Kartasura im Jahre 1745 unter König Pakubuwana II., der bis 1749 regierte, aufgeben, um sich nach einer Aufsehen erregenden Umzugprozession zehn Kilometer entfernt in Solo neu zu bilden. Diese kurze, aufwendige Reise diente zur Vorführung des status quo der höfischen Organisation.

Wie von John Pemberton beschrieben, präsentierte der Hofstaat des Pakubuwana ein gut geordnetes, prächtiges und mächtiges Königreich. Somit hatte die Prozession auch eine den neuen Karaton absichernde, konsolidierende politische Funktion. Die sich innerhalb der nächsten 70 Jahre vollziehende Aufspaltung des Reiches Mataram in die zwei Königreiche des Pakubuwana III. (1749-1788) in Surakarta und des Hamengkubuwana I. in Yogyakarta und die Entstehung der kleineren Reiche der Herrscher Mangkunegara und Paku Alam I. belegen jedoch die Krisensituation, in der sich die Fürstentümer von Mataram unter Anwesenheit der Holländer befanden. Trotzdem stellte der Umzug im Vordergrund der politischen und militärischen Krise den Karaton in einem Zustand der Ordnung zur Schau.

„The thunder of all this royalty noise, echoing many of the sounds familiar to the battles in the years leading up to the Karaton Kartasura’s aban­donment, performed as a turbulent soundscape within which the order (tata) of the procession appeared all the more orderly, all the more controlled with calculated precision.“ (Pemberton 1989:51)

Alle wichtigen Machtsymbole des Karaton wurden mitgeführt, so das königliche Symbol der Autorität, die banyan-Bäume, der transportable Thron-Pavillon und zwei Elefanten. Dahinter kamen die Königin und die Prinzessinen, sowie der gesamte Hofstaat. Die Palastdiener trugen die goldene Regalie upacara, die machtbringenden Heiligtümer und Erbstücke pusaka und einen prächtigen Hahn. Begleitet wurde die Prozession von Schaulustigen, sodaß etwa 50.000 Menschen beteiligt waren, wenn man den Ausführungen Pembertons folgt (vgl. Pemberton 1989:50f.). Als eine Quelle der Turbulenzen könnten die Gamelan-Orchester gedient haben, die entlang der Straße postiert waren. Von Pemberton wird die höfische Organisation mit dem Begriff des tata anschaulich beschrieben. Diese wird repräsentiert durch die zeremonielle Ordnung, in der sich der Umzug vollzog. Die „kalkulierte Präzision“ entspricht dem Idealzustand der Harmonie im Kosmos des javanischen Weltbildes, der nicht nur akkustische Einflüße im gemäßigten Rahmen zuläßt.

 

2.2. Der Pakubuwana: Konzentration kosmischer Energie

Diese Ordnung stellt ein mächtiger König sicher. Der Pakubuwana, was übersetzt der „Nagel des Kosmos“ heißt, entmachtet alle störenden Faktoren, indem er selbst das größte Quantum der alles durchdringenden kosmischer Energie in seiner Position konzentriert. So erlangt der König Macht.

„Es ergibt sich aus dieser Konzeption, daß die Totalsumme an Macht im Univer­sum immer konstant bleibt. Sie kann weder zu- noch abnehmen, da sie mit dem Wesen des Kosmos selbst identisch ist. Verändern kann sich nur die Verteilung der Macht im Kosmos. Konzentration von Macht an einem Ort bedeutet not­wendig Verminderung von Macht an anderen Orten.“ (Magnis-Suseno 1981:86)

Diese „Fähigkeit zur Konzentration übernatürlicher Kräfte“ (Magnis-Suseno 1981:87) wird als sein kasekten bezeichnet, die resultierende Unüberwindbarkeit ist das sekti. Äußert sich ein Schwinden dieser königlichen Qualifikation im Angesicht störender Kräfte, ist dies ein Zeichen für einen Machtwechsel. Nicht nur negative Konsequenzen mißlungener königlicher Konzentrationsbestrebungen, wie zerstöre­rische Entladungen kosmischer Energie an anderen Orten als dem Karaton, sondern auch der Modus der Machtausbüng sind von Bedeutung. Ein unhöflicher oder aufgeregter Herrscher entspricht nicht dem Ideal des alus, „glatt“, sowie „sanft, elegant, höflich, einfühlsam, unaufdringlich“ (Magnis-Suseno 1981:87) zu sein.

 

3. DIE ORDNUNGSPRINZIPIEN

Hinter all den hier aufgeführten Konstruktionen steht ein Streben nach Erhaltung der kosmischen Harmonie in geordneten Verhältnisse, innerhalb derer niemand geschadet werden soll. Diese soll die Vermeidung offener Konflikte und der Respekt vor den Gewohnheiten Anderer sicherstellen.

 

3.1. ORDNUNG: Tata

Das beschriebene Ordnungsprinzip tata wird trotz des öffentlichen Charakters der Prozession im Jahre 1745 als ein Idealzustand in der exklusiven Ordnung hinter den Mauern des Karaton verstanden. Ihm sollten nach der höfischen Ordnung des Pakubuwana Arrangements, Verhaltensmaßstäbe und zeremonielle arbeitsteilige Strukturen entgegenstreben. Tata beschreibt die aktuelle Aufstellung innerhalb einer Tanz-Choreografie und die theoretischen Richtlinien im königlichen Gericht. Nicht nur die Positionen aller im Karaton Beschäftigten sind präzise festgelegt, vielmehr stellen Sitzordnungen (tatanan) nach Pembertons Ansichts die häufigste Anwendung von tata dar (Pemberton 1989:92f.).

Außerhalb der Palastwände zeigt sich eine weitere Facette im Bedeutungsfeld des tata, das tata tentrem karta raharja. Dieses „javanische Ideal“ beinhaltet sowohl gesellschaftliche Ordnung, Frieden, Wohlstand und Glück (Magnis-Suseno 1981:87), als auch eine allgemeine Gelassenheit und Wohlfahrt in der kosmischen Ordnung (vgl. Pemberton 1989:89). Es reflektiert im beabsichtigten Ideal der Harmonie die Furcht vor räuberischen Gruppen und Naturkatastrophen, wie Überschwemmungen, Erdbeben und Vulkanausbrüchen.

 

3.2. GEWOHNHEIT: Cara

Unter Harmonie soll hier auch das Nebeneinander zweier verschiedenartiger regionaler Gewohnheiten verstanden werden. So war bei dem königlichen Umzug im Jahre 1745 auch die holländische Kolonialmacht anwesend, fiel jedoch nicht störend auf. Sie wurde assimiliert, war ein Element der politischen und damit auch der kosmischen Ordnung. Diese stellte seit der Ankunft der Holländer eine Koexistenz von traditionell javanischen und holländischen Wertvorstellungen und Prinzipien dar.

Solche Wertvorstellungen und Prinzipien äußern sich in Bräuchen und Gewohnheiten, die den Ablauf eines Kartenspiels, einer Prozession, eines Rituals oder eine Kleiderordnung bestimmen können. Diese Gewohnheiten äußern sich meist auf der lokalen Ebene des Hofes, des Dorfes (desa) oder der Region, etwa in der unterschiedlichen Bauweise der Häuser.

Pemberton spricht von zwei verschiedenen Kleiderordnungen am Hofe Pakuwanas III., dem cara jawi und dem cara walandi. (vgl. Pemberton 1989:108ff.) Erstere stellte den traditionellen Stil zeremonieller Kleidung des Hofstaates dar, während andererseits in der Entstehung des cara walandi der Kleiderstil der holländischen Kolonialisten aufgenommen wurde und zu einer neuen Kleiderordnung verarbeitet wurde. Vor dessen Entstehung waren bei Hofzeremonien die Holländer in Amtskleidung und die Javaner in ihrer festlichen Tracht anwesend. Dieser Zustand störte die Harmonie, weil er die Unvereinbarkeit der Kulturen aufzeigte.

Den Holländern war es im Gegensatz zum Hofstaat nicht gestattet, einen anderen Stil als den eigenen zu adoptieren und sich im Stil des cara jawi zu kleiden. Der Herrscher demonstrierte dieses Privileg und kleidete sich „holländisch“. Dies kann zwar als Schwäche gedeutet werden, doch bewies diese Vermischung der Stile Offenheit gegenüber Neuem und wirkte harmonisierend. Da die beiden Konfliktparteien im gleichen „holländischen“ Stil gekleidet waren, konnte die von den „Javanern“ beabsichtigte Harmonie durch eine sichtbare Integration der holländischen Gewohnheiten in die Zeremonien im Karaton und den „javanischen“ Kosmos erhalten werden. Herrscher Pakubuwana III. war es gelungen, durch eine Verschmelzung widersprüchlicher Gewohnheiten einen Konflikt beizulegen und Gelassenheit und Vertrautheit mit den Kolonialisten zu demonstrieren. Für die Holländer bedeutete dies jedoch, daß ihr Plan, durch westliche Amtstracht Modernität und Distanz zur „javanischen“ Kultur zu demonstrieren, den gegenteiligen Effekt der Annäherung im Sinne kosmischer Harmonie bewirkte. Zusätzlich gelang es Pakubuwana III., an der Macht der Holländer teilzuhaben. (vgl. Pemberton 1989:96)

 

3.2. KONFLIKTVERMEIDUNG: Rukun

Die javanische Gesellschaft ist geprägt von dem Streben nach Harmonie und Vermeidung offen ausgetragener Konflikte. Der Idealzustand des rukun ist bedingt durch die Akzeptanz des Anderen, Toleranz, Einigkeit und Kooperation (vgl. Magnis-Suseno 1981:37). Wer sich anders verhält, stört die kosmische Harmonie.

Unterstützt wird das Ideal des rukun durch Kooperation (gotong-royong), wodurch gegenseitige Abhängigkeit und Konformität bewiesen werden. In der Gesellschaft vorhandene Interessengegensätze stellen eine permanente Gefahr für die Erhaltung der Harmonie dar, weil sie in Verbindung mit Emotionen nicht sachlich verhandelt werden können. Es gibt für den „Javaner“ verschiedene Strategien, eine Störung der gesellschaftlichen Harmonie zu verhindern. Diese Verhaltensweisen bestehen darin, auf die Durchsetzung individueller Interessen zugunsten des „guten Einvernehmens“ (Magnis-Suseno 1981:39) zu verzichten und auf die Privatsphäre des Anderen Rücksicht zu nehmen. Das Fragen wird als Demonstration der Kenntnisnahme vom Gegenüber gedeutet, und es wird keine der Wahrheit entsprechende Antwort auf intime Fragen erwartet. Ein Gespräch soll in seinem Ablauf offen und in jede Richtung weiterzuführen sein. Die ideale Strategie der Entscheidungsfindung stellt das musyawarah dar, die „gegenseitige Konsultation“ (Magnis-Suseno 1981:47) anstatt einer Abstimmung nach westlichem Vorbild. Eine weitere Strategie ist die Dissimulation, die mit dem javanischen Begriff des etok-etok gleichgesetzt wird. Diese läuft auf ein Zurückhalten von persönlichen Emotionen hinaus, besonders wenn sie in hohem Maße negativer oder positiver Art sind, wie z.B. tiefe Traurigkeit, explodierende Wut oder übermäßige Freude. Vielmehr soll eine ausgeglichene emotionale Wärme, verbunden mit einem sanften Lächeln, demonstriert werden.

 

3.3. KOSMISCHES HEIL: Slamet und Slametan

Das Harmoniedenken äußert sich auch im slametan, einem rituellen Mahl. Dieses wird immer dann abgehalten, wenn ein Ereignis bevorsteht, das die Struktur der bestehenden kosmische Ordnung stören kann, indem es neue Konstellationen erschafft, so eine Geburt, eine Heirat, eine Beförderung oder eine Ernte, „kurzum zu jeder Gelegenheit, bei der eine erneute Absicherung kosmischen Heiles (slamet) angebracht erscheint.“ (Magnis-Suseno 1981:76) Pemberton bezeichnet slamet als den Zustand genereller Genügsamkeit.

„Although ‘slamet’ has a long history as a term which refers to a negatively formulated ideal state in which nothing is wrong (one is not haunted by ghosts, for example) or lacking (there is no food shortage or epidemic disease...), the implication of the double negative is to assure a general sufficiency and well-being.“ (Pemberton 1989:231f.)

Die slametan-Teilnehmer sichern diesen Zustand ab, indem sie den Geistern Opfer darbringen und die gegenseitige Abhängigkeit innerhalb ihrer sozialen Beziehungen, ihre Selbstbeherrschung bei Gefühlsausbrüchen und ihre vorsichtige Gelassenheit bei nach außen gerichteten Verhaltensweisen beweisen (vgl. Geertz 1976:29). Auf die einzelnen Schritte im rituellen Ablauf der Segnung und anschließenden Verteilung von Essen soll hier nicht eingegangen werden.

Dieses Ritual hat eine religiöse und eine soziale Funktion, als Besänftigung der Geister einerseits und als Demonstration des sozialen Friedens andererseits. Im Gegensatz zu Geertz, der die religiöse Natur jedes slametan-Rituals betont, unter­scheidet Koentjaraningrat zwischen dem heiligen/religiösen und dem säkularen/adat slametan. Das erste zeichnet sich durch die Anwesenheit religiöser Emotionen aus, während diese beim zweiten völlig ausbleiben. Das religiöse slametan entspringt dem Glauben und der Angst vor den Folgen ungewohnter Ereignisse, die säkulare Version dem Sinn für soziale Solidarität und für eine Atmosphäre ohne Aggressivität. Die Anlässe für das heilige slametan werden durch den Pflanzungs- und Erntezyklus, die dörflichen Rituale und die postmortalen Riten bestimmt. Der Lebenszyklus bestimmt auch den Zeitpunkt für das säkulare slametan-Ritual, jedoch sind hierbei die Anlässe sälkularer Natur, z.B. Wohnungswechsel, Namensgebung, Reisen oder Jubiläen. (vgl. Koentjaraningrat 1985:349ff.)

 

4. FAZIT: Tatacara

Das in dieser Arbeit beschriebene System von Ordnungsprinzipien stellt eine Kombination von zeremonieller Ordnung (tata) und dem Bewußtsein von unterschiedlichen Gewohnheiten (cara) dar. Diese werden integriert in ein hierarchisch gegliedertes, generalisiertes System der „javanischen“ Kultur, das tatacara. Dieses Konstrukt wurde erstmals erwähnt im Titel eines Werkes von Padmasusastra aus dem Jahr 1907 (vgl. Pemberton 1989: 205).

Das Zentrum dieses Systems bildet der Pakubuwana, um ihn herum ange­ordnet die beschriebenen Prinzipien der Gelassenheit, des Harmoniestrebens und der Konfliktvermeidung, die dörflichen Rituale, die Konstruktion des „Javaners“ in den Stufen seiner individuellen Entwicklung (vgl. Pemberton 1989: 317) und vieles mehr.

Ordnungsprinzipien stellen ebenso wie codifiziertes Recht, Verhaltensmaß­stäbe zur Konfliktlösung bereit. Am Beispiel der Kleiderordnungen am Karaton wurde gezeigt, daß ein kultureller Idealzustand, wie die Gelassenheit, hilft, einen Konflikt im Sinne der Prinzipien beizulegen. Prinzipien dienen weiterhin dazu, die Form und den Zeitpunkt von kulturellen Realitäten zu bestimmen. Am Beispiel der Prozession wurde gezeigt, daß die Ordnung des Karaton eine Determinante darstellt. Das slametan reflektiert das kosmische Ordnungsprinzip slamet, der Zeitpunkt wird durch die Ernte- und Lebenszyklen bestimmt.

Insgesamt repräsentiert das System des tatacara eine geordnete „javanische“ Kulturlandschaft, die neben der zentralen höfischen Organisation interne Prinzipien, wie dörfliche Gewohnheiten, beinhaltet, aber auch die Verabeitung externer Einflüße, wie das Verhalten fremder, kolonialer Kulturen im eigenen Land, zuläßt.

 

5. LITERATURVERZEICHNIS

·                Pemberton, John:

1989      The appearance of order. A politics of culture in colonial and

              postcolonial Java.

              Cornell University.

·                Magnis-Suseno, Franz:

1981      Javanische Weisheit und Ethik. Studien zu einer östlichen Moral.

              Wien: Oldenbourg Verlag.

·                Geertz, Clifford

1976      The Religion of Java.

              Chicago: The University of Chicago Press.

·                Koentjaraningrat

1985      Javanese culture.

              Oxford (u.a.):Oxford University Press.