DIE KULA
-REISEN DER TROBRIANDER
Bronislaw Malinowskis "Argonauten des westlichen
Pazifik"
Bronislaw Malinowski (1884-1942) gilt als einer der Former
der modernen Ethnologie. Seine Theorien der ethnographischen Feldforschung, als
deren Begründer er vielfach angesehen wird, und der Ökonomischen
Anthro-pologie, die wirtschaftliche Erscheinungen in "primitiven"
Gesellschaften erforscht und sie auf unsere eigene Gesellschaft anwendet,
lehrte er über anderthalb Jahrtzehnte an der London School of Economics. Malinowskis
Schüler, wie z.B. Evans-Pritchard, waren es, die die Zeit zwischen den beiden
Weltkriegen zu einer Periode großer ethnographischer Tätigkeit werden ließen.
"Teilnehmende Beobachtung" nannte er selbst seine
ethnographische Methode. Als Feldforscher lebte er von 1914 bis 1918 in
Melanesien mit Einheimischen. Auf den Trobriand-Inseln an der Südspitze
Neuguineas hatte er "sein Feld gefunden", das er erforschen wollte.
Natürlich war aller Anfang schwer, seine Sprachkenntnisse waren nur unzureichend,
um wirkliche Gespräche führen zu können. Daher begann er mit einer an reinen
Fakten orientierten Erfassung der Bevölkerung, zeichnete Stammbäume und
sammelte Daten.
Dieses "tote
Material" reichte ihm jedoch nicht aus. Als einer der ersten Vertreter
des Funktionalismus in der Ethnologie wollte er mehr als nur eine
oberflächliche Beschreibung der Gebräuche eines Volkes. Sein Ziel war es, "den Standpunkt des Eingeborenen,
seinen Bezug zum Leben zu verstehen und sich seine Sicht seiner Welt vor Augen
zu führen" (zit. Nach Exotik als Beruf, in: DIE ZEIT Nr. 50,
7.12.1979, S. 7). Er wollte die Position des Einzelnen innerhalb seiner
Gemeinschaft und die Beziehung ihrer Bestandteile, wie z.B. bestimmte
Zeremonien und Gebräuche, zur Gesamtheit des sozialen Gebilde begreifen.
Die Kulturanthropologie beinhaltet die Ansicht, daß die
Mitglieder jeder Kulturgemeinschaft von spezifischen Wertvorstellungen geprägt
seien. Diese Konditionierung äußert sich in allen Verhaltensweisen der
Gemeinschaftsmitglieder. Malinowski lebte also mit den Einheimischen zusammen
und zeichnete alle Beobachtungen und wichtigen Äußerungen der Stammesmitglieder
in einem ethnographischen Tagebuch auf. So registrierte er sowohl die "Imponderabilien des wirklichen
Lebens", den Alltag, als auch die Abweichungen vom Normalen und fügte
sie zu einem Gesamtbild zusammen. Dieses Gesamtbild sollte die Mentalität der
Einheimischen dokumentieren.
Allerdings bestand das Problem seiner Arbeit darin, daß auch
er nicht frei von dieser Prägung seiner eigenen, europäischen Kultur war. Daher
war es ihm unmöglich, aus einer anderen Position als der des interessierten
Außenstehenden zu beobachten.
Seine Methoden beschreibt Malinowski in der Enleitung zu
seinem Buch "Argonauten des westlichen Pazifik" (orig. Argonauts of
the Western Pacific), das zusammen mit den beiden anderen Büchern "Das
Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien" (orig. Sexual Life of
the Savages in North West Melanesia) und "Korallengärten und ihre
Magie" (orig. Coral Gardens and their Magic) die Trilogie über die Trobriander bildet.
"Wenn wir
Dobu hinter uns lassen, kommen wir auf die offene See, eine See, die mit
kleinen Korallenriffen und Sandbänken übersät ist und von langen Wallriffen
zerschnitten wird, wo tückische Strömungen, die manchmal bis zu fünf Knoten
Geschwindigkeit erreichen, das Segeln besonders für das hilflose Fahrzeug der
Eingeborenen wirklich gefährlich machen. Dies ist das Meer des Kula, die
Szenerie der Expeditionen zwischen Stämmen und der Abenteuer, die das Thema unserer
zukünftigen Beschreibungen sein werden."
In "Argonauten des westlichen Pazifik" berichtet
Malinowski über eine Erscheinung, die das Leben der Trobriander in vielerlei
Hinsicht beeinflußt: das Kula. Dieses Tauschsystem verbindet die Bewohner eines
großen Inselringes, zu der auch die Gruppe der Trobriand-Inseln gehört. Ihre
Beziehungen werden bestimmt durch den
zeremoniellen Tausch von zwei Wertgegenständen, die innerhalb des Kula-Ringes
kursieren. Muschel-ketten (soulava)
werden im Uhrzeigersinn und Armreifen (mwali)
in ent-gegengesetzter Richtung getauscht. So gibt ein Trobriander seinem
Tauschpartner auf einer westlich gelegenen Insel einen Armreifen und erhält
dafür im Tausch eine Muschelkette. Irgendwann wird diese Kette ihren Besitzer
wieder in östlicher Richtung verlassen.
Der Besitz solcher Kostbarkeiten ist ein Zeichen von "sozialem Rang und Renommée",
sie stellen also eine Art Statussymbol dar. Als Schmuckstücke werden sie nur zu
besonderen Gelegenheiten getragen. Ihr Hauptzweck ist das Besessen- und
Getauscht-Werden und das Herrvorrufen von Neid und Anerkennung, die der
Besitzer eines kostbaren Armreifes erntet.
Malinowski vergleicht die Kula-Wertgegenstände mit den
britischen Kron-juwelen. Auch sie werden nur
"um des Besitzes willen besessen", nur des-halb, weil ihr
Eigentum Ruhm und Bewunderung verspricht und jeder Gegenstand mit einer
Geschichte verbunden ist, die dessen Besitzer stolz zu erzählen weiß.
Der Grundsatz "Einmal
im Kula, immer im Kula" bezieht sich sowohl auf die Ketten und Armreifen,
deren Weg von Besitzer zu Besitzer bei kostbaren und stabilen Stücken über eine
lange Zeit zurückverfolgt werden kann, als auch auf die Tauschpartner, deren
Verbindung als Lebensbund gilt.
Die Tauschreisen der Einheimischen zu den benachbarten Inseln
und deren Vorbereitungen sind bestimmt von Zeremonien und Magie, die einen
reibungslosen Ablauf und guten Erfolg gewährleisten sollen. So werden die Kanus
für die lange Überfahrt in verschiedenen Ritualen präpariert. Die Magie und die
Angst vor eventuellen schlechten Auswirkungen beeinflussen das Verhalten der
Tauschpartner.
Mit dem Titel seines Werkes bezieht sich Malinowski auf den
griechischen Mythos der Argonauten, einer Gruppe antiker Seefahrer, die auf der
Suche nach dem Goldenen Vlies eine Reihe von Abenteuern zu bestehen haben. Mit
Hilfe der Götter, mit Mut und mit Magie können sie diese bewältigen und kehren
nach Erfüllung ihres Auftrags mit dem Vlies zurück.
Parallelen zwischen dem Mythos und den Kula-Seereisen der
Trobriander werden schnell deutlich. Diese liegen nicht nur in der Aura des
Geheim-nisvollen, des Mythos und der Zauberei, die beide Unternehmungen um-gibt. Auch die Trobriander
haben wirkliche Abenteuer zu bestehen: Sie überwinden mit ihren einfach
gebauten Auslegerbooten weite Strecken hin zu den fernen Inseln, auf denen ihre
Tauschpartner leben, vorbei an beängstigenden, sagenumwobenen Orten, bewohnt
von gefährlichen Zauberern, fliegenden Hexen und Kannibalen. Ihr einziger
Schutz besteht in ihrer Magie, ihrem Mut und ihrer Segelkunst.
Bei der Durchführung des Kula-Tauschs geht es trotz der
ökonomischen Transaktionen, die in dessen Rahmen durchgeführt werden, nie
darum, einen Profit zu erlangen. Vielmehr ist die Pflicht zur Gleichwertigkeit
der getauschten Gegenstände das ungeschriebene Gesetz des Kula.
Dieses "Prinzip der Gegenseitigkeit", wie es auch
in vielen anderen Gesellschaften zutage tritt, ist nach Malinowskis Ansicht
eine "grundlegende Form menschlicher Aktivität und
Geisteshaltung" und Bestandteil der Natur des Menschen. Es bestimmt
die Regeln des Kula und das Verhalten aller seiner Akteure. Auch im Alltag der
Trobriander prägen gegenseitige Tauschgaben ihre Beziehungen untereinander.
Der Kula-Handel vereinheitlicht alle Subsysteme der
Gemeinschaft, ihre Politik, die Ökonomie und ihre "Lebenswelt". Es
bringt Außenbeziehungen, die damit verbundenen wirtschaftlichen Unterneh-mungen
wie den Tauschhandel und das Handwerk und die Äußerungen ihrer Kultur auf einen
Nenner. Durch die Verpflichtungen dem Tauschpartner gegenüber einerseits und
die Vorteile andererseits, die bei einer erfolgreichen Kula-Expedition für den
Besitzer eines kostbaren Armreifens entstehen, wird ein stabiles und "umfassendes Netz sozialer
Wechselbeziehungen" errichtet.
Streitbar ist zwar, ob das Kula nun eine
"Inszenierung" oder eine natürliche Entwicklung sei. Jedoch offenbart
diese Institution ein Bild des ursprünglich Menschlichen, das von der
anthropologischen Vorstellung des auf seinen
wirtschaftlichen Vorteil bedachten und nach Besitz strebenden Wesens
abweicht. Das Verhalten der Trobriander im Kula ist geprägt durch eine als
selbstverständlich erscheinende Anständigkeit, eine noblesse oblige, deren Umsetzung auch durch die Angst vor negativer
Magie beeinflußt wird.
Malinowski als nüchterner Soziologe, Anthropologe und
Ethnograph - und als lesenswerter Autor. In "Argonauten des westlichen
Pazifik" liefert er die Beschreibung eines Volkes in der Südsee, die mehr
ist als reine Ethnographie. Seine Schilderungen der Reisen zu den Schauplätzen
des Kula, die er aus der Perspektive eines Mitfahrers im Trobriand-Kanu abgibt,
sind äußerst illustrativ. Er versteht es, den wissenschaftlich interessierten
Leser herauszuführen aus der reinen Wissenschaft in phantasievolle, fast (Südsee-)romantische Landschaftsbeschreibungen.
Über das ganze Buch verteilt lockern sie immer wieder die relativ theoretischen
Studien auf den Trobriand-Inseln auf.
"Während
die Kula-Abenteurer mit gefüllten Segeln schnell Fahrt aufnehmen, bleibt die
flache Lagune der Trobriand-Inseln bald zurück. Die trägen grünen Wasser,
übersät mit braunen Flecken aus hochwachsendem üppigen Seetang und hier und da,
wo der seichte, saubere Sandgrund durchscheint, smaragdgrün durchsetzt, weichen
einer eher dunkelgrünen See. Der niedrige Landstreifen, der die Lagune in
weitem Bogen einfaßt, verliert sich und verschwindet im Dunst, und vor ihnen
erheben sich höher und höher die Berge des Südens, die man an einem klaren Tag
sogar von den Trobriand-Inseln aus erkennen kann."
Bronislaw
Malinowski: Argonauten des westlichen Pazifik: ein Bericht über Unternehmungen
und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesisch-Neuguinea. Mit einem Vorwort von J.G. Frazer. Aus dem Englischen von
H.L. Herdt. Schriften in vier Bänden, Bd. 1, Hrsg. von F. Kramer, Frankfurt
(Syndikat) 1979, 585 S. mit 65 Abbildungen und 5 Karten, 24.80 DM.