Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Politikwissenschaft
"DIE ANWENDBARKEIT DER
SOZIALWISSENSCHAFTEN BEI THEODOR W. ADORNO UND HANS ALBERT"
1.1. Der
Positivismus und seine Gegner
2.2. Werturteile
als sprachliches Problem
2.4. Intervention
und Organisation
Der "Positivismusstreit in der deutschen Soziologie" zählt zu den bedeutendsten sozialwissenschaftlichen Diskursen. In seinem Rahmen standen in den 60er Jahren die Vertreter der Position des Kritischen Rationalismus, wie Karl R. Popper und Hans Albert, denen der sozialphilosophischen Kritischen Theorie, wie Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas, gegenüber. In dieser Arbeit sollen speziell die Theorien von Theodor W. Adorno (1903-1969) und Hans Albert konfrontiert werden. Hierbei will ich versuchen, diese an sich nicht vergleichbaren Ansätze auf einen "gemeinsamen Nenner" zu bringen. Dieser besteht nicht nur in dem bedeutungsvollen Wort "kritisch", der für die einen eine metaphysische Auseinandersetzung mit den Gesellschaftsverhältnissen, für die anderen ein Instrument zur rationalen Wahrheitsannäherung im Rahmen einer logischen Methode bedeutete. Adorno befaßte sich mit dem Gegenstand, Albert mit der Methode und der Aufgabe der Sozialwissenschaften. Beide Theoretiker beschäftigen sich damit, inwieweit die Sozialwissenschaften in Politik und Verwaltung anwendbar sind.
Adorno geht "von der grundsätzlichen Einbettung sowohl von sozialen Problemen wie ihren wissenschaftlichen Problemlösungen in der Totalität der Gesellschaft aus"[1]. Dieses widersprüchliche System von Interessen und Meinungen sei der Gegenstand der Soziologie, nach dem sich deren Methode richten solle. Eine soziologische These, die rein auf der Vorgehensweise der Logik basierend als "Wahrheit" behauptet wird, diene in ihrer praktischen Anwendung nur den Interessen totalitäter Machthaber. Alberts Wahrheitsbegriff hängt eng mit Max Webers Postulat der Wertfreiheit der Sozialwissenschaften zusammen. Eine relativ wertfreie Theorie könne, nachdem sie einen Transformationsprozeß durchlaufen habe, als Informationsquelle zur Vohersage von möglichen Konsequenzen des Handelns einen praktischen Nutzen erfüllen. Dieser Entwurf einer Sozialtechnologie deckt sich aber nicht mit der positivistischen Annahme von regelhaften Kausalitäten und "Naturgesetzen" in der Gesellschaft.
Der Positivismus hat seinen Ursprung im Werk von Auguste Comte (1798-1857), der die Soziologie als "soziale Physik" begründete und das "Dreistadiengesetz" entwickelte. Dieses beschreibt die historische Entwicklung der Wissenschaften mit Hilfe dreier Stadien, dem theologischen, dem metaphysischen und dem positiven. Im dritten Stadium entwickelt sich die positivistische Soziologie, deren Aufgabe die Planung der Gesellschaft sei. Parallel zu den Wissenschaften verändern sich die sozialen, politischen und militärischen Machtverhältnisse. Im späten Lebensstadium erträumte sich Comte, die Soziologie könne die Position der Religion im positiven Gesellschaftsstadium einnehmen. Comte forderte methodisch "die Unterordnung der Einbildungskraft unter die Beobachtung"[2]. Mit Hilfe der so gewonnenen Tatsachen sollen theoretische Aussagen über die Regelmäßigkeiten des menschlichen Zusammenlebens mit Tatsachen belegt werden.
Die positivistische Methode spart phänomenalistsich den dialektischen Begriff der gesellschaftlichen Totalität ebenso aus wie die Trennung von Wesen und Erscheinung eines Gegenstandes. Sie setzt das Ganze gleich mit der Summe der beobachtbaren Teile, "für die menschliche Erkenntnisfähigkeit unzugängliche Annahmen werden verworfen (Wesen, Seele...)"[3]. Nach Adorno besteht eine Wechselwirkung zwischen sozialen Tatsachen und den Individuen in der Gesellschaft. Letztere sind geformt durch die Strukturen, die sie produzieren und ihnen als Objektivitäten gegenüberstehen. Diese "den Menschen entfremdeten Prozesse"[4] machen die Totalität und damit den Gegenstand der Sozialwissenschaft aus. Die positivistische Annahme "Werturteile haben keinen Erkenntniswert"[5] wurde von Hans Albert aufgegriffen und weitergeführt. Seiner Meinung nach existiert keine wertfreie Sozialwissenschaft. Der Wissenschaftler könnte jedoch im Bereich der wissenschaftlichen Metasprache Werturteile verhindern, indem er auf bestimmte Aussagen verzichte und eine deskriptive Sprache verwende.
Die Anwendbarkeit der sozialwissenschaftlichen Theorien beruht auf den Wahrheitskonzepten ihrer Urheber. Auf beiden Seiten stehen Theorien, die eine Vorgabe von dogmatischen "Wahrheiten" skeptisch betrachten, sie kritisieren und eventuell falsifizieren möchten. Die verschiedenen Konzepte der Wahrheitsfindung im Rahmen von Theorien stellen die Basis sowohl der Kritischen Theorie wie auch des Kritischen Rationalismus dar. Hieraus ergeben sich die Konvergenzen und Differenzen zwischen logisch vorgehender Rationalität auf dem Boden der Empirie und der Wissenschaftstheorie. Zusammen kommen beide in ihrer absoluten Sicht der Wahrheit. Jedoch stellt die letztere fest, daß die Behauptung einer "Wahrheit" gegenüber einer Alternative die Vorstellung der "richtige(n) Einrichtung der Gesellschaft"[6] widerspiegelt. Einer solchen Konzeption kritisch gegenüberzustehen sei die Aufgabe der Soziologie. Der Kritische Rationalismus von Karl R. Popper, behauptet, daß falsifizierte und daraufhin umformulierte Hypothesen in ihrer übereinstimmenden Gegenüberstellung mit den Tatsachen eine "Annäherung an die Wahrheit"[7] darstellen.
"Wir nennen eine Aussage 'wahr', wenn
sie mit den Tatsachen übereinstimmt oder den Tatsachen entspricht oder wenn die
Dinge so sind, wie die Aussage sie darstellt. Das ist der sogenannte absolute
oder objektive Wahrheitsbegriff."[8]
Sowohl Popper als auch Hans Albert wollen der Wahrheit erstens mit Hilfe der Aussagenlogik näher kommen. Eine Hypothese, in der ein "Zusammenhang zwischen mindestens zwei Sachverhalten"[9] behauptet wird, muß so formuliert sein, daß sie an der Realität scheitern kann. Zweitens bestehen sie auf einer strikten Trennung von rationaler und wertungsfreier Wissenschaft einerseits und deren Objekt, der Gesellschaft, andererseits. Diese Trennung existiert für Adorno nicht. Vielmehr gehören die Wissenschaften zu eben den sozialen Tatsachen, mit deren Objektivität die Menschen in der Gesellschaft in Wechselwirkung stehen.
Adorno will gesellschaftliche Widersprüche aufdecken und verstehen.
"Die Gesellschaft, auf deren Erkenntnis
Soziologie schließlich abzielt, wenn sie mehr sein will als eine bloße Technik,
kristallisiert sich überhaupt nur um eine Konzeption von richtiger
Gesellschaft. Diese ist aber nicht der bestehenden abstrakt, eben als
vorgeblicher Wert zu kontrastieren, sondern entspringt aus der Kritik, also
dem Bewußtsein der Gesellschaft von ihren Widersprüchen und ihrer
Notwendigkeit."[10]
Diese gegensätzlichen Meinungen und Interessen müssen in der soziologischen Theorie Ausdruck finden. Dort soll gesagt werden, wie es nicht ist, damit verstanden wird, wie es ist. Für Adorno ist das Denken "Einspruch gegen die Archaismen seiner Begrifflichkeit"[11], das angebliche "Wahrheiten" zugunsten der Kritik und der Vorgabe von Alternativen und Problemlösungen auslöscht.
Max Weber forderte zu Beginn dieses Jahrhunderts die werturteilsfreie Sozialwissenschaft. Der Wissenschaftler solle zugunsten der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit seiner Thesen auf subjektive Bewertungen verzichten und bestrebt sein, empirisch belegte, objektive Aussagen zu treffen. Ob diese Forderung erfüllbar ist, wurde fünfzig Jahre später von Hans Albert geprüft. Wie Weber feststellte, ist eine wertfreie Wissenschaft nicht möglich. Der Wissenschaftler oder dessen Auftraggeber wählen ein Objekt aus und entscheiden über die Methodik. In einer von Werten bestimmten Gesellschaft stellen auch die Werte selbst ein Objekt der Sozialwissenschaften dar.[12]
Hans Albert unterteilt das Werturteilsproblem in drei Unterbereiche: die "Wertbasis", die "Wertungen im Objektbereich" und "das eigentliche Werturteilsproblem". Die Tätigkeit des Forschers ist grundlegend abhängig von Relevanzentscheidungen. Diese bestimmen z.B. die Auswahl des Objektes, die Bevorzugung einer Methode und die Selektion der Beobachtungen. Oft sind Werte selbst das Objekt der Forschung.
"Da für die sozialen Beziehungen und
Handlungen, die im Objektbereich der Sozialwissenschaften auftreten, Wertungen
aller Art konstitutiv sind, müssen sie unter Umständen analysiert werden.
Aussagen, die über das Wertverhalten der Menschen informieren, die es
beschreiben, erklären und vorhersagen, sind aber selbst Tatsachenaussagen,
keine Werturteile."[13].
Die ersten beiden Bereiche sind also schwer von Wertungen freizuhalten, im Gegensatz zum letzten der Bereiche. Aussagen über Tatbestände, die "Objekt-Sprache", gehören für Albert ebenso zur Wissenschaft wie die Objekte selber und die "methodologische Analyse", die Auswertung der Beobachtungen und Theorien auf der Ebene der "Meta-Sprache"[14]. In der Sprache über die Gegenstände tauchen immer wieder Stellungnahmen, Wünsche und Vorschriften auf, die am "Sachgehalt" der Aussage wenig verändern, jedoch ihren "Geltungsmodus" von einer objektiven Beschreibung hin zu einer Wertung oder Behauptung verschieben. Die Wertungen und die Widersprüche, die der Forderung nach Rationalität und Logik entgegenstehen, sollen aus der Theorie herausgefiltert und kritisiert werden, um deren Brauchbarkeit zu erhöhen. Damit wendet Albert das Prinzip der Werturteile auf die Ebene der Objektsprache und die der Metasprache an. Werturteile sollen aus den Aussagen herausgehalten werden, und es soll über das Wertfreiheitsprinzip diskutiert werden.
Albert unterscheidet zwischen zwei Sprachstilen: der präskriptiven und der deskriptiven Sprache. Die in präskriptiver Weise formulierten Aussagen stellen Vorschriften dar, die "normierend auf unsere Stellungnahmen, Entscheidungen und Handlungen wirken"[15]. Sie eignen sich zur Aussprache von Stellungnahmen und Befehlen, zur Zuschreibung von Rechten und Pflichten und zur Rechtfertigung einer Verhaltensweise. Beschreibende Sätze stellen eine Äußerung "unserer sachlichen Überzeugungen, z.B. unseres Glaubens an die Existenz bestimmter Naturgesetze" dar.[16] Auch deskriptive Aussagen können normierenden Einfluß auf menschliche Denk- und Handlungsweisen ausüben. So führen deskriptiv formulierte, logische Hypothesen zu einer logischen Denkweise, die Widersprüche ausschließt, rationale Erklärungen liefert und zu bestimmten Verhaltensmustern führen kann.
Hans Albert fragt, ob Theorien in präskriptiver Sprache einen praktischen Nutzen für die Sozialwissenschaften haben können. Um die Antwort zu finden, klammert er die subjektiven Aussagearten aus: "Resolutive" (Ausdruck von Entschiedenheit), "Optative" (Wünsche), "Valuative" (Stellungnahmen), "Performative" (den Vollzug einer Handlung Voraussetzende) und "Imperative" (Vorschriften).
Ein Streitpunkt sind die "Normativen", "die bestimmte Verhaltensweisen als gerechtfertigt erklären".[17] Solche Handlungsanleitungen für vorher definierte Situationen kann eine normative Sozialwissenschaft erbringen. Jedoch erst nach der Neutralisierung alltagssprachlicher Elemente, die distanzlos zwischen Beschreibungen und Stellungnahmen pendelnd, unkritisch und unwissenschaftlich nur den "praktisch-normativen Hintergrund der allgemeinen Weltorientierung"[18] reflektieren. Stattdessen möchte Albert die Theorie in einer möglichst artifiziellen und "konstruierten" Sprache formuliert sehen.
Ausgehend von dem Satz "Sollen kommt von Könnnen" stellt Albert die Forderung nach einer normativen Sozialwissenschaft. Die Theorien sollen die Regelmäßigkeiten im menschlichen Zusammenleben beschreiben. Das entscheidende Kriterium für ihre Brauchbarkeit ist ihr Informationsgehalt.
Sie werden
"als Spielräume angesehen..., innerhalb
deren das tatsächliche Geschehen abläuft...Ihre praktische Relevanz liegt
darin, daß sie die menschlichen Wirkungsmöglichkeiten in bestimmter Weise
einschränken, sie 'kanalisieren', also den Spielraum der
Handlungsmöglichkeiten festlegen und damit eine Antwort auf die Frage
ermöglichen: Was können wir tun?"[19]
Um eine vernünftige Antwort auf die zweite Kant'sche Frage "Was soll ich tun?"[20] zu finden, sucht Albert nach den Handlungsmöglichkeiten. Diese gewinnt er aus einem Transformationsprozeß, in dessen Rahmen theoretische Systeme in technologische Systeme umgewandelt werden. So können Ansatzpunkte gefunden werden, die möglichen gesellschaftlichen Entwicklungen unter bestimmten Voraussetzungen, die in der Theorie beschrieben sein sollen, durch gezielte Handlungen zu beeinflußen. Die Reichweite und der Informationsgehalt der Technologie unterscheiden sich nicht von dem der Theorie, da es sich um eine tautologische Umwandlung handelt. Der Inhalt der Aussagen bleibt gleiche, die Sprache wird verändert. Präskriptiv formulierte Aussagen bleiben in dem Sieb hängen, so daß die Technologie aus normativen, logischen Aussagen in deskriptiver Sprache bestehen wird.
Der Selektionsprozeß beginnt mit der Festlegung von Gesichtspunkten, die entlang der Problemstellung formuliert werden und anhand derer die Informationen aus der Theorie herausgefiltert werden. Diese Selektion kann nicht werturteilsfrei durchgeführt werden, da es sich hier um ein Relevanzproblem handelt: Es wird entschieden, auf welches Problem hin die Theorie gefiltert werden soll. Doch "hypothetisch bestimmte Desiderata"[21] lassen eine intersubjektive Nachprüfbarkeit der Transformation zu, was nicht bedeutet, daß neue Prämissen an den Anfang der Technologie gesetzt werden sollen. Albert betont wiederholt die Neutralität dieses Verfahrens. Der Umwandlung werden keine Äußerungen von erwünschten Entwicklungen vorangestellt. Erstens beinhalte die Tatsache, daß eine Situation unter bestimmten Einwirkungen eintreten könnte, nicht die Realisation von Zielen. Zweitens sei eine "Technologie der Revolution...nicht nur für Revolutionäre, sondern gerade auch für ihre Gegener interessant."[22], d.h. die Planung der Verwirklichung eigener Interessen kann auch den Gegnern nutzen. Nach der Umwandlung kann die Technologie wieder in die präskriptive Sprache übersetzt werden. Dies sei dann nützlich, wenn ein Sozialwissenschaftler "in der Rolle politischer Berater"[23] gefragt wird. Vorher müssen jedoch die Entscheidungen über die zur Verfügung stehenden Mittel und das Ziel getroffen sein.
Hans Albert denkt an eine Anwendung der Sozialwissenschaft in einer "rationalen Politik"[24], die mit Hilfe der transformierten Theorien die Gesellschaft auf kurze oder lange Zeit lenken kann. Hierbei unterscheidet er zwischen "Intervention" und "Organisation". Unter Intervention versteht Albert einen kurzfristigen, gezielten Eingriff in den privaten Sektor. Vorher muß die Situation, das betroffene Sozialmilieu und alle relevanten sozialen Mechanismen analysiert werden. Unter Organisation versteht er die langfristige, relativ dauerhafte Erschaffung und Neuordnung sozialer Institutionen. Es sollen Kontrollfunktionen für die Befolgung sozialer Normen geschaffen werden. Hier kann mit Hilfe der Technologie eine funktionale Analyse verschiedener Handlungsalternativen der Realisierung vorangestellt werden, die eventuell zur Neuformulierung der Theorie beiträgt. Eine rationale Entscheidung über den Erfolg des "sozialen Experiments", über das Erreichen von Zielen und Nebenwirkungen, ist durch die Formulierung von Kriterien möglich.[25] Anhand dieses Ergebnisses wird dann eine Korrektur der Maßnahmen abgeleitet.
Die Trennung von Subjekt Wissenschaft und Objekt Gesellschaft und von Theorie und Praxis wird bei Albert deutlich, wenn er sagt, "daß die Sozialwissenschaft keinen Ersatz für die Erfindungsgabe der sozialen Praxis geben kann."[26] Korrekturen können entweder nur analytisch durchgeführt und überprüft werden oder sie können das bereits real vorhandene Geschehen verändern. Die Aufgabe der Sozialwissenschaft sei die Überprüfung theoretischer Systeme anhand von Experimenten.
Für Adorno stellt die Gesellschaft einen dynamischen Prozeß dar. Sie "ähnelt eher dem System als dem Organismus"[27], weil sie mehr als ein Zusammenspiel nebeneinander geordneter Sektionen ist. Ihr Ganzes konstituiert etwas Übergreifendes, das wiederum auf seine Elemente zurückwirkt. So beeinflußt die Gesellschaft als begriffliche Vorstellung einer Einheit den Gegenstand der sozialwissenschaftlichen Erkenntnisprozesse, die in ihrer Totalität eingebettet sind. Außerdem stellt sich jede Form von institutioneller Vergesellschaftung den Menschen, die sie geschaffen haben, als Objektivität gegenüber. In einem Wechselwirkungsprozeß werden die Menschen von den Institutionen geformt, die sie selbst produziert haben. Nach Adornos Ansicht kann die unmittelbare Trennung von Mensch und sozialer Umwelt nicht aufrecht erhalten werden, weil eine wechselseitige Beeinflußung dadurch übersehen wird.
Die Gesellschaft als Gegenstand der Soziologie muß verstanden werden als ein Prozeß der Entfremdung. Die Schöpfer stehen ihren Werken ohnmächtig gegenüber, die sich "verselbständigt haben, ihnen als ein so Fremdes und zugleich Übermächtiges entgegentreten."[28] Aus dieser Übermacht erklärt sich auch die Priorität, die Adorno dem Gesellschaftlichem vor dem Individuellen einräumt. Um einen totalen Überblick über die gesellschaftlichen Prozesse zu erhalten, darf die arbeitsteilige Trennung zwischen Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften oder Soziologie und Psycholgie nicht die Erkenntnis lähmen. Vielmehr kann die Totalität nur erkannt werden, wenn die Trennlinien aufgehoben werden.
Die Theorien Adornos sind geprägt vom dialektischen Denken Georg Friedrich Wilhelm Hegels (1770-1831). Dessen Dialektik beginnt mit der "Aufspaltung des Einheitlichen in sich ausschließende und einander zugleich bedingende Gegensätze"[29]. Sie nimmt die dem vernünftigen Denken entsprechende Zusammenfassung vorhandener Widersprüche zum Anlaß, diese einander gegenüberzustellen und sie zu einer neuen Einheit zu verschmelzen. Position und Negation sind gleichzusetzen mit These und Antithese, während die Synthese die Negation der Negation darstellt. Als Wahrheit wird nur eine der beiden Gegensätze anerkannt.
Adorno verweist auf die Antinomien in der Gesellschaft, die sich in gegensätzlichen und einander widersprechenden Interessen und Meinungen äußern. Adorno kritisiert die Vorgabe von Dichotomien. Zweiteilungen, wie die von Sein und Sollen, müssten zusammengeführt werden, ihre Widersprüchlichkeit erkannt und zugunsten einer neuen Einheit in Verbindung gebracht werden. Mit Hilfe der Negation des soziologischen Objektes durch die Kritik wird die Wahrheit deutlich.
"Wahrheit verhält sich nach Adorno
immer negativ zu seinem Objekt, löscht den 'Schein seines unmittelbaren
So-Seins' aus zugunsten der Nichtidentität, des Nicht-So-Seins."[30]
Nur so könne eine "Konzeption von richtiger Gesellschaft"[31] aus der Kritik der Bestehenden, Seienden, entstehen. Die hinter einer solchen Konzeption stehenden Werte spiegeln sich in der Kritik wider, d.h. auch die "Trennung von wertendem und wertfreiem Verhalten ist falsch"[32], insofern mit der Behauptung ihrer Dichotomie gesagt wird, ein Wissenschaftler könne darüber bestimmen, wann er wertend und wann er "wertfrei" handelt. Wie sollte auch eine Wissenschaft, die in eine wertbestimmte gesellschaftliche Totalität eingebettet ist, von Wertungen sich abheben können ? Ebenso wenig darf die Wissenschaft ihre Probleme trennen, "von den realen, die in ihren Formalismen blaß widerscheinen."[33]
Für Theodor W. Adorno steht der Begriff der Gesellschaft für eine Einheitlichkeit, "die in der Unstimmigkeit ihre Einheit hat."[34] Er kritisiert Statistiken, die dem von der Vernunft bestimmten "Moment des Allgemeinen"[35], die Perspektive einer alles umfassenden Seinsordnung, Rechnung tragen. Die Garantie ihrer Kongruenz zur Realität beziehen sie zwar aus dem Gesetz der großen Zahl, welches besagt, daß in einer Zufallsstichprobe die Häufigkeitsverteilungen mit dem Auftreten der jeweiligen Eigenschaften der Untersuchungseinheiten in der Grundgesamtheit, der Gesellschaft, übereinstimmen. Zentral für die Soziologie sei jedoch "der antagonistische Charakter der Gesellschaft"[36]. Anstatt diesen anzubilden, verändert sie die kontradiktorischen sozialen Elemente, um logische und einstimmige Aussagen machen zu können. Als Beispiel führt Adorno die liberale Vorstellung einer freiheitlichen und egalitären Gesellschaft und deren Antithese von den sozialen Ungleichheiten in einer solchen Gesellschaft, an. Diese Widersprüche können nicht durch die Logik aus dem Weg geräumt werden. Es handelt sich hier "um die strukturelle Beschaffenheit der Gesellschaft als solcher."[37]
Die Methode der Sozialwissenschaft soll sich an ihrem Objekt, der Gesellschaft, orientieren. Dieser räumt Adorno stets den Vorrang vor dem "Primat der Methode"[38] ein, die die quantitative Sozialforschung als oberstes Gut ansieht, das über Zuverlässigkeit und Gültigkeit von Datenerhebungen, Auswahlverfahren oder Inhaltsanalysen entscheidet. Adorno strebt eine qualitative Forschung an, in der die Widersprüche in den Interessen der Individuen nicht durch deduktive Folgerungen und induktive Verallgemeinerungen logisch erklärt und einander angeglichen werden.
Theodor W. Adorno fordert eine kritische Sozialwissenschaft, die sich am Prinzip der negativen Dialektik orientiert. Ebenso wie widersprüchliche Konstellationen in der Gesellschaft existieren, soll auch die Sozialwissenschaft "die Gesellschaft als eine andere denken" können "denn die existierende."[39] Die Synthese von Sein und Sollen setzt sich aus der Kritik des Bestehenden und dem Vorschlagen von Problemlösungen und Alternativen zusammen. Er erwünscht sich eine andere Position im System der Wissenschaften als sie innehat, wenn sie sich mit der Bearbeitung von "Zwecken öffentlicher und privater Verwaltung"[40] begnügt. Adorno weiß jedoch, daß die resignative Selbstbescheidenheit der Soziologie nicht von ungefähr kommt.
"Angesichts der nackt hervortretenden
Übergewalt der Verhältnisse enthüllt Comtes Hoffnung, Soziologie könne die
soziale Macht steuern, sich als naiv, es sei denn, sie liefere Pläne für
totalitäre Machthaber."[41]
Die Übermacht der Gesellschaft führt zu einer Angst, sich mit der Erkenntnis des Ganzen zu beschäftigen, geschweige denn daran zu denken, es zu verändern. Adorno schwebt eine eine Aufklärungs-Sozialwissenschaft vor, deren Hauptaufgabe die "Entzauberung", "Entmythologisierung" und Befreiung "vom Bann" sei, den einst mittelalterliche Schreckgespenster und heute die "menschlichen Verhältnisse", die Eingebundenheit der Menschen in von ihnen selbst gebildete Strukturen, über sie aussprechen.[42]
Bei allen Unterschieden stimmen die Theorien von Theodor W. Adorno und Hans Albert doch darin überein, daß sie einen Ansatzpunkt für eine an der sozialen Praxis orientierte Wissenschaft in den Institutionen gefunden haben. Für Albert kann nach der Formulierung des Problems organisierend eingegriffen werden, für Adorno geht es darum, die magisch scheinende Unangreifbarkeit durch die Kritik zu entzaubern. Die Aufgabe des Denkens liegt für Adorno darin, als endgültig erscheinende Begrifflichkeiten in ihre Elemente zu zerlegen und daraus Widerworte zu entwickeln. Hans Albert sieht den Sozialwissenschaftler in einer zurückhaltenden beratenden Funktion, die Kritik nur als objektive Beschreibung von Möglichkeiten enthält. Zu lösende Probleme sind für den Kritischen Rationalisten vor allem sprachlicher und dezisionistischer Art.
Adorno und Albert unterscheiden sich durch ihre Perspektive. Während Albert der Sozialstruktur die Institutionen überordnet, sieht Adorno beide eingebunden in die Gesamtheit. Die Überordnung ermöglicht es Albert, Veränderungen in der Gesellschaft mit Hilfe technologischer Mittel der Sozialwissenschaft herbeizuführen. Theodor W. Adorno sieht die Wissenschaft als Objektivität eingebettet in die gesellschaftliche Dynamik. Ein Eingriff, der nur auf der Methode der Logik basiert und Widersprüche nicht erkennt, wäre totalitär und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft nicht auf Anhieb ersehbar. Die Kritik bleibt das oberste Gebot.
Adorno, Theodor W.:
Negative Dialektik. Frankfurt 1982.
ders.:
Soziologie und empirische Forschung. In: ders. et al. (Hrsg.): Der
Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. München 1993, S. 81-102.
ders.:
Zur
Logik der Sozialwissenschaften. In: Positivismusstreit. a. A. o., S. 125-144.
Albert, Hans:
Wertfreiheit als methodisches Prinzip. Zur Frage der Notwendigkeit
einer normativen Sozialwissenschaft. In: Topitsch, Ernst (Hrsg.): Logik der
Sozialwissenschaften. Köln, Berlin 1966, S. 181-210.
ders.:
Theorie und Praxis. Max Weber und das Problem der Wertfreiheit und der
Rationalität. In: ders. und Ernst Topitsch (Hrsg.): Werturteilsstreit.
Darmstadt 1971, S. 200-236.
Comte, Auguste:
Die Soziologie. Stuttgart 1974.
Endurweit,
Günter und Gisela Trommsdorf (Hrsg.):
Wörterbuch
der Soziologie. Stuttgart 1989.
Kant, Immanuel:
Kritik der reinen Vernunft. Meiner-Ausgabe 1956.
Kromrey, Helmut:
Empirische Sozialforschung. Modelle und Methoden der Datenerhebung und
Datenauswertung. 6. Aufl., Opladen 1994.
Mikl-Horke, Gertraude:
Soziologie. Historischer Kontext und soziologische Theorie-Entwürfe. 2.
Aufl., München, Wien, Oldenburg 1992 .
Popper, Karl R.:
Die Logik der Sozialwissenschaft. In: Positivismusstreit, a.A.o, S.
103-124.
Speck, Josef (Hrsg.):
Handbuch wissenschaftstheoretischer Grundbegriffe. 3 Bde., Göttingen
1980.
Weber, Max:
Wissenschaft als Beruf. In: ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre.
Tübingen 1973, S. 582-613.
[1]Mikl-Horke, Gertraude:
Soziologie. Historischer Kontext und soziologische Theorie-Entwürfe. 2. Aufl.,
München, Wien, Oldenburg 1992, S. 268.
[2]Comte, Auguste: Die
Soziologie. Stuttgart 1974, S. 79.
[3]Mikl-Horke: Soziologie. S.
263.
[4]Adorno, Theodor W.: Zur Logik
der Sozialwissenschaften. In: ders. et al. (Hrsg.): Der Positivismusstreit in
der deutschen Soziologie. München 1993, S. 141.
[5]Mikl-Horke: Soziologie. S.
263.
[6]Adorno, Theodor W.: Zur
Logik. S. 143.
[7]Popper, Karl R.: Die Logik
der Sozialwissenschaft. In: Positivismusstreit, a.A.o. S. 118.
[8]ebd., S. 117.
[9]Kromrey, Helmut: Empirische
Sozialforschung. Modelle und Methoden der Datenerhebung und Datenauswertung. 6.
Aufl., Opladen 1994, S. 41.
[10]Adorno, Theodor W.: Zur Logik.
S. 139.
[11]Adorno, Theodor W.: Negative
Dialektik. Frankfurt 1982, S. 156.
[12]Weber, Max: Wissenschaft als
Beruf. In: ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 1973, S.
582-613.
[13]Albert, Hans: Wertfreiheit
als methodisches Prinzip. Zur Frage der Notwendigkeit einer normativen
Sozialwissenschaft. In: Topitsch, Ernst (Hrsg.): Logik der
Sozialwissenschaften. Köln, Berlin 1966,
S. 189.
[14]Albert, Hans: Theorie und
Praxis. Max Weber und das Problem der Wertfreiheit und der Rationalität. In:
ders. und Ernst Topitsch (Hrsg.): Werturteilsstreit. Darmstadt 1971, S. 213.
[15]Albert, Hans: Wertfreiheit.
S. 185.
[16]ebd.
[17]ebd., S. 184.
[18]ebd., S. 182.
[19]ebd., S. 192.
[20]Kant: Immanuel: Kritik der
reinen Vernunft. 1956, S. 728.
[21]Albert, Hans: Wertfreiheit.
S. 192.
[22]ebd., S. 193.
[23]ebd.
[24]ebd., S. 192.
[25]ebd., S. 193.
[26]ebd., S. 194.
[27]Adorno, Theodor W.:
Soziologie und empirische Forschung. In: Positivismusstreit. a.A.o., S. 95.
[28]Adorno, Theodor W.: Zur
Logik. S. 140.
[29]Kröber, Günter: Dialektik.
In: Speck, Josef (Hrsg.): Handbuch wissenschaftstheoretischer Grundbegriffe.
Bd. 1, Göttingen 1980, S.141.
[30]Mikl-Horke, Gertraude:
Soziologie. S. 270.
[31]Adorno, Theodor W.: Zur
Logik. S. 139.
[32]ebd., S. 138.
[33]ebd., S. 129.
[34]Adorno, Theodor W.:
Soziologie. S. 90.
[35]ebd., S. 91.
[36]ebd.
[37]Adorno, Theodor W.: Zur
Logik. S. 136.
[38]ebd., S. 130.
[39]ebd., S. 142.
[40]ebd.
[41]ebd.
[42]ebd., S. 143.